 Wenn man im Flugzeug über Landschaften
fliegt, von denen man weiß, daß man sie
kennt, versucht man unwillkürlich, diese in
ihren Einzelheiten zu identifizieren. Aus der
ungewohnten Perspektive sucht das Auge
nach unverwechselbaren Strukturen, nach
Merkmalen, welche die Benennung des Gesehenen
erlauben. Die abstrahierten Formen
einer Landkarte einerseits und die, normalerweise,
indem wir uns in ihr bewegen,
diachron erfaßte Landschaft andererseits zur
Deckung zu bringen, macht den Reiz dieses
Spiels der Wiedererkennung aus.
Die 2005 entstandene Serie JP-22 des japanischen
Künstlers Taiji Matsue ruft solche
Seherlebnisse in Erinnerung. Das genaue,
beinahe angestrengte Hinschauen spiegelt
sich in der Schärfe, durch die kleinste Details
sichtbar werden. (Mit optischen Hilfsmitteln,
einer Lupe oder einem Mikroskop, meint
man, auf den Bildern noch mehr erkennen zu
können als mit dem bloßen Auge, so, als
benützte man in der realen Landschaft ein
Fernglas. Sie scheinen noch mehr Informationen
zu enthalten, als sich direkt erfassen
lassen.) Die Spannung zwischen den regelmäßigen,
geometrischen Strukturen von
Gebäuden oder Straßen und den chaotischen,
kleinteiligen, von Vegetation überzogenen
Gebieten, oder von Meer und Wind
geformten Dünen, dann aber auch von
Mischformen – Formationen wie von Straßen
durchzogenen landwirtschaftlichen Flächen –
führt bei jedem Bild von neuem zu der
Suche nach den kompositorischen Gesetzen,
die die Ausschnitte bestimmen. Und diese
vollzieht zumindest das europäische Auge
am liebsten anhand von Achsen und geometrischen
Formen nach. So verwandeln sich
die Bilder im Prozeß der Betrachtung: Die
Suche nach dem Konkreten, Wiedererkennbaren,
zur eigenen Person in Beziehung zu
setzenden wird konterkariert von der auf rein
bildnerische Aspekte ausgerichteten Aufmerksamkeit
für die Komposition, die letztlich auch
wieder Spiegel der der Struktur der Landschaft
inhärenten Gesetzmäßigkeiten ist.
Matsue, Fotograf und Geologe, arbeitet seit
vielen Jahren an einem Projekt der Erfassung
der Erdoberfläche. In strengen Schwarzweißfotografien
nahm er Natur- und Stadtlandschaften
der verschiedenen Kontinente auf
und brachte ihre charakteristischen Strukturen
in Bilder. Die Landschaften, die schließlich
Gegenstand von Matsues kunstvollen
Kompositionen wurden, mußten verschiedene
Kriterien erfüllen: Von oben, von einem
erhöhten Standpunkt aus betrachtet, entfalten
sich ihre meist relativ homogenen
Strukturen. In den Naturlandschaften sollten
die Spuren menschlicher Präsenz allenfalls
in so zeitlosen Formen wie den als
Terrassen angelegten Olivenhainen in Galizien
oder einem möglicherweise seit der
Antike bestehenden Steinbruch auf Kreta
sichtbar werden. In den Stadtlandschaften
mit ihren Häusermeeren wiederum werden
prominente Gebäude (wie die Akropolis)
erst auf den zweiten Blick sichtbar.
Matsues Fotografien besitzen nichts Anekdotisches,
Souvenirhaftes. Gleichmäßig
scharf, in hoher Auflösung und geradezu
eintöniger Beleuchtung entfalten sich ihre
feinen Grauwerte und reflektieren in ihrer
Zurückgenommenheit den analytischen
Blick auf die Struktur der Landschaften.
Dieses unendliche Projekt wurde nun
durch die fotografische Serie mit dem Titel
JP-22 unterbrochen. Im Auftrag der Regierung
erfaßte Matsue das Gebiet der Präfektur
Shizuoka an der Südostküste von
Honshu, der Hauptinsel von Japan, in
einer Reihe von 81 Luftbildern. JP-22 ist
der für dieses Gebiet durch die ISO (International
Organization for Standardization)
festgelegte Code. Im Verhältnis zu seinen
früheren Bildern haben sich einige Parameter
verändert: Für JP-22 gab es einen
fremden Auftraggeber und der Künstler
war auf ein genau umrissenes Gebiet festgelegt,
das möglichst vollständig dokumentiert
werden sollte. Die Frage nach der
Eignung der Landschaft für Matsues Fragestellung
stellte sich im Fall von JP-22 nicht.
Er konnte seine Aufnahmen aus der Luft
machen und war somit nicht mehr darauf
angewiesen, hoch liegende Standpunkte
zu finden; auf diese Weise konnte er auch
ebene Gegenden von oben fotografieren,
was bis dahin nicht möglich gewesen war.
Außerdem – und das ist gewiß der
augenfälligste Unterschied – ist diese Serie
in Farbe aufgenommen. In Matsues hochauflösenden
Fotografien gewinnt die Farbigkeit
eine eigene Qualität der Differenzierung.
Die einzelnen Bäume des Waldes
in ihren Grünschattierungen oder die Blautöne
des Meeres fordern geradezu auf,
sich in sie zu versenken, so daß – eigentlich
ein anachronistischer Gedanke – die
analysierende, forschende Betrachtung
dieser scheinbar unendlichen Variationen
zu einem eigenen ästhetischen Erlebnis
gerät.
Bettina Schmitt  |
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