Mit ihrer aus Stuttgart übernommenen Ausstellung lenkt die ifa-Galerie Bonn den Blick auf Candomblé - die synkretistische Religion Salvador de Bahias an der Westküste Brasiliens. Die sonderbare Mischung aus kolonialer Machtentfaltung und nachhaltig afrikanisch geprägter Lebens- und Kulturformen, der man in der südamerikanischen Stadt überall begegnet, war schon oft Thema künstlerischer Auseinandersetzung. Pierre Verger, Mario Cravo Neto, Eriel Araújo und Marepe zeigen bis zum 18. August anhand von Fotografien und Installationen ihre Sicht der Dinge. Von zentralem Interesse ist dabei nicht die Religion an sich, sondern die kreative Kraft, die aus dem Zusammentreffen von Macht und Mythen entsteht.
Sicher nirgendwo sonst haben sich so scheinbar gegenläufige Kulturen einigen können wie in Salvador de Bahia an der Westküste Brasiliens. Während noch heute in vielen Teilen der Welt zwischen den Glaubensformen - selbst innerhalb des Christentums - Diskrepanz und Hass herrschen, leben dort afrikanische Gottheiten und weiße Heilige friedlich beisammen. Oxalá und Jesus Christus, Oxum und Maria, Ogun, der Heilige Antonius, Prozessionen, Trommeln und Rituale vermischen sich zum Candomblé, der synkretischen Religion Bahias, die allerdings mehr als nur eine Glaubensrichtung ist, sondern auch Lebensgefühl und eine Möglichkeit, den nicht immer einfachen Alltag im Zusammenleben verschiedener Kulturen zu bewältigen.
Als im 16. Jahrhundert in Brasilien der Bedarf an Arbeitern auf Zuckerrohr-, Tabak- und Kaffeeplantagen stieg, begann der Sklavenhandel. Die bis Mitte des 19. Jahrhunderts verschleppten 1,2 Millionen Sklaven aus den unterschiedlichsten Teilen Afrikas brachten die Religion der Yoruba-Gottheiten - der Orixàs – aus Nigeria mit nach Südamerika, wo sich der Kult, der dort Candomblé genannt wird, trotz Verboten und Zwangskatholisierung bis heute erhalten hat.
Mit circa 80 Prozent schwarzer Bevölkerung ist Salvador de Bahia mittlerweile die größte „afrikanische“ Stadt außerhalb Afrikas. Katholizismus und Candomblé sind in der Volksfrömmigkeit der Stadt an der Westküste Brasiliens inzwischen unauflöslich verflochten. Die starke Präsenz der Naturreligion mit einer magischen Weltanschauung in einer an westlichen Werten orientierten Gesellschaft wie Brasilien ist ein erstaunliches Phänomen. In den Ritualen wird Kontakt hergestellt zwischen Diesseits, der sichtbaren Erde - dem Aiyê - und dem Jenseits, der heiligen Matrix des Lebens – dem Orun. Axé ist die reine Kraft, an der die Menschen Anteil haben können, wenn sie in ihren Ritualen durch Trommelklänge und Trancezustände die Gottheiten auf die Erde rufen.
Seit über einem Jahrhundert sind unzählige Intellektuelle, Künstler und Forscher fasziniert von den afrobrasilianischen Rhythmen von Olodum oder Timbalada ebenso wie von Spiritualität und Sinnlichkeit, die Candomblé vereint.
Der 1996 gestorbene französische Anthropologe und Fotograf Pierre Verger hat die Religion der Orixàs sowohl in Afrika als auch in Brasilien studiert und sich im Lauf der Zeit auch selbst in den Kult initiieren lassen. Seine Bücher und Fotobände sind bis heute eine der wenigen zuverlässigen schriftlichen Quellen über diese Religion. Die ifa-Galerie zeigt schwarz-weiß Fotografien, die zum einen direkte Vergleiche zwischen Afrika und Bahia darstellen, zum anderen wichtige Momente des Candomblé festhalten.
Die Fotografien des 1947 geborenen Brasilianers Mario Cravo Netos befinden sich in zahlreichen Sammlungen international renommierter Ausstellungsinstitutionen. Er präsentiert „Laróyè“ in Form einer Dia-Projektion mit Sound, die Exú, dem Götterboten gewidmet ist. Mario Cravo Neto folgt den Spuren Exús durch Bahia: dem Lachen, der Musik, den Trommeln, dem Tanz, den Opfergaben – Rosen, Früchte, Hühner – den Straßen und Plätzen, den Menschen und dem Leben in Salvador de Bahia – Bilder von intensiver, tiefer Farbe.
Der 34jährige Eriel de Araújo Santos aus Salvador de Bahia bezieht sich in seiner Installation auf die westliche Vorstellung von religiösem Ritual. Der Ausstellungsbesucher ist aufgefordert, eine Kerze anzuzünden und aufzustellen. Araújo thematisiert nicht nur das katholische Ritual, sondern auch Fragen nach Bild und Abbild, Verschleiern und Offenlegen. Indem er „Heiligenbilder“ durch „Menschenbilder“ ersetzt, macht er deutlich, dass religiöse Darstellungen immer vom Bild des Menschen ausgehen. Ein zentraler Gedanke des Candomblé.
Marepe, Jahrgang 1970, überträgt den gesellschaftspolitischen Aspekt des Candomblé auf seine Projekte. Er reintegriert den Ursprung ritueller Handlungen wie etwa die gemeinsame Zubereitung von Speisen und deren Verzehr in die Alltagswirklichkeit. In der Ausstellung wird mit Fotoserien und einer Video-Dokumentation von Marcondes Dourado eines seiner jüngsten Projekte vorgestellt: Mit Straßenkindern realisierte Marepe eine Zuckerwatte-Aktion, die zum Fest wurde, in dem sich Alltag und Ritual zu einer soziokulturellen und künstlerischen Aktion verbanden.
Die Ausstellung „Schwarze Götter, weiße Heilige. Bahia de Todos os Santos“ ist bis zum 30. März dienstags bis freitags von 12 bis 18 Uhr und am Wochenende von 12 bis 17 Uhr bei freiem Eintritt zu sehen. Der 72seitige Katalog kostet 10 Euro.