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Hamburg und Hannover präsentieren das Werk von Michel Majerus

Zoom in die Neunziger



Blinky Palermo, Martin Kippenberger, Jean-Michel Basquiat und schließlich Michel Majerus - was diese Künstler verbindet, ist die traurige Tatsache, dass alle vier in jungen Jahren tragisch ums Leben gekommen sind und damit auch ihr Werk in all seiner Unvollendetheit zu einem plötzlichen Abbruch verurteilt war. Als Michel Majerus am 6. November 2002 auf dem Weg von Berlin zu seinen Eltern in Luxemburg bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, waren das Entsetzen und die Trauer in der Kunstwelt groß. Ein viel versprechender junger Maler, dessen Bilder bereits als so etwas wie die Ikonen der Neunziger Jahre galten, war plötzlich nicht mehr da und hinterließ doch ein nahezu unübersehbares Gesamtwerk von mehr als 1.500 Gemälden in den unterschiedlichsten Formaten.



Drei Jahre später präsentieren jetzt mit den Hamburger Deichtorhallen und der Kestnergesellschaft in Hannover gleich zwei norddeutsche Ausstellungshäuser seine malerischen Verwirbelungen von Versatzstücken der Alltagskultur: Werbeästhetik und Gebrauchsgrafik, Produktlogos, Comicfiguren und Computerspielhelden, kunsthistorische Zitate und programmatische Slogans samt Wortmarken amalgamiert Majerus auf seinen Leinwänden zu ganz neuen visuellen Systemen. Marilyn Manson trifft auf die Teletubbies, Super Mario auf Frank Stella und Sven Väth auf Andy Warhol.

Man hat sich für eine Art Arbeitsteilung entschieden: In Hannover werden neben einigen großen Bildern vornehmlich kleinere Arbeiten wie die 60 mal 60 Zentimeter messenden Leinwände mit isolierten Bildelementen - eine Art visuelles Gedächtnis und Zeichenreservoir des Künstlers - präsentiert. Für das Verständnis seiner collagierenden Methode sind sie von zentraler Bedeutung. Die Hamburger Deichtorhallen inszenieren Majerus’ oft aus vielen Einzelleinwänden zusammengesetzte Großgemälde zu einem überwältigenden Ausstellungsparcours im bühnenbildartigen Supersize-Format. Wer die Halle betritt, muss sich zunächst durch einen engen, kurvenreichen Gang zwischen digital bedruckten Vinylsäulen hindurchquetschen und entschlüpft dann wie aus einem Geburtskanal in eine poppig bunte Majerus-Welt der Riesenleinwände. Diese werden als heraufragende Billboards frei in der Halle ohne Zwischenwände präsentiert. Deichtorhallendirektor Robert Fleck setzt bei dieser Inszenierung ganz auf die architektonischen Möglichkeiten seines Hauses. Statt kleiner Kabinette und störender Trennwände gliedern jetzt allein die bis zu knapp zehn Meter hohen Bilder den Raum. So präsent, raumgreifend und antireduktionistisch hat man Malerei selten gesehen.

Michel Majerus’ ungebändigte Neugier auf alles Visuelle kam fast einer kindlichen Begeisterung gleich. Er war ein Bilderfischer im digitalen Zeitalter. Besuchern in seinem Berliner Studio zeigte er dann schon einmal voller Entdeckerfreude die neuesten Bilder aus der unmittelbaren Umgebung seines Ateliers auf seiner Digitalkamera: weggeworfene Kaugummipapiere, Aufkleber auf Laternenpfählen, Logos oder Embleme. Aus einem einzigen „gefundenen“ Buchstaben konnte Majerus ganze Alphabete konstruieren.

Studiert hatte der 1967 geborene Luxemburger in Stuttgart bei Joseph Kosuth, einem amerikanischen Konzeptkünstler mit sprachphilosophischem Ansatz und beim abstrakt-expressiven Maler K.R.H. Sonderborg. Ob als Fundstück oder als selbst formulierte programmatische Aussage: Schrift und Typographie spielen in Majerus’ Werk eine zentrale Rolle. Mit postmodernem Aneignungsgestus bedient sich Majerus selbstbewusst im Bilder- und Schriftenkosmos der Fanzines, Flyer, CD-Cover und Konzertplakate der Techno-Ära. Seine meist englischen Botschaften wie „progressive aesthetic“ kommen mal mit programmatischem Optimismus und dann wieder voller Skepsis und Selbstzweifel daher.

Der einem Bild von 1999 entnommene Ausstellungstitel der Kestnergesellschaft „What looks good today may not look good tomorrow“ liest sich da als ein emphatisches Bekenntnis zum kompromisslos Zeitgenössischen, zu einer Malerei des Hier und Jetzt. Gewiss, das visuelle Repertoire auf Michel Majerus’ monumentalen Blow-Up-Leinwänden ist alles andere als zeitlos und wirkt heute bereits wie ein nostalgisches Kondensat der Neunziger Jahre. Doch auch Andy Warhols berühmte Brillo-Boxen aus den Sechzigern haben die Jahrzehnte letztlich unbeschadet überlebt. Als Maler einer bestimmten Epoche in die Kunstgeschichte einzugehen, ist durchaus nichts Ehrenrühriges.

Die Ausstellung „Michel Majerus: demand the best don’t accept excuses“ ist in den Deichtorhallen bis zum 26. Januar zu sehen. „Michel Majerus: what looks good today may not look good tomorrow“ in der Kestnergesellschaft Hannover läuft bis zum 12. Februar 2006. Die Hamburger Deichtorhallen haben Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet, die Kestnergesellschaft täglich außer montags von 10 bis 19 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr. Der Katalog kostet 29 Euro.

Kestnergesellschaft
Goseriede 11
D-30159 Hannover

Telefon: +49 (0)511 – 701 200
Telefon: +49 (0)511 – 701 20 20

Kontakt:

Deichtorhallen Hamburg

Deichtorstraße 1-2

DE-20095 Hamburg

Telefon:+49 (040) 32 10 30

Telefax:+49 (040) 32 10 32 30

E-Mail: info@deichtorhallen.de

Startseite: www.deichtorhallen.de



21.11.2005

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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Bei:


Deichtorhallen Hamburg

Künstler:

Michel Majerus









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