Kunst vom Mittelalter bis zur Gegenwart bei Karl & Faber in München
Ausgewogen
Fast gleichauf lagen die beiden Spitzenstücke der modernen und zeitgenössischen Kunst bei Karl & Faber. Günther Ueckers kreisförmige „Lichtscheibe“, eine im Durchmesser neunzig Zentimeter messende Nagelung aus dem Jahr 1967, war bereits auf 100.000 bis 150.000 Euro hochgesattelt worden. 110.000 Euro lautete schließlich das Ergebnis im Wettstreit um das unverwechselbare Werk eines derzeit hochbegehrten ZERO-Künstlers. Der ältere Meister hieß Ernst Wilhelm Nay. Für sein Ölbild „Badende Menschen“ waren 50.000 bis 60.000 Euro veranschlagt. Die wilde, fast abstrakte Komposition schert sich auch in ihrem Entstehungsjahr 1939 nicht um die Vorgaben der barbarischen Kunstdoktrin der Nazis. Soviel Mut, aber auch die unbestritten hohe Qualität der Malerei im Werk des Künstlers wurden schließlich mit 100.000 Euro belohnt.
Moderne Kunst
Rund die Hälfte der fast zweihundert ausgewählten Werke konnte das Münchner Auktionshaus am 11. Juni unter die Leute bringen. Spannend war es gleich zu Beginn, als Arnold Balwés grünblau glühende „Wintersonne (Kampenwand 1961)“ ihren Wert auf 25.500 Euro etwa verzehnfachte und bald darauf ein Stillleben Adolf Erbslöhs mit drei Äpfeln und einem Blumenstrauß im Dämmerlicht 1912 die nicht eben anspruchslose obere Schätzung von 50.000 Euro noch einmal um 15.000 Euro überschritt. Hans Hofmann, der später zu den wichtigsten Vertretern des abstrakten Expressionismus in den USA zählte, setzte sein frühes Vaterportrait aus dem Jahr 1905 erst bei 27.000 Euro ab (Taxe 18.000 bis 20.000 EUR). 24.000 Euro kostete eines der selteneren Werke, die Georg Kolbe aus Kalkstein anfertigte. Entstanden ist der formschöne Frauenkopf einer Träumenden um 1915 (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR).
Gängigeres oder auch weniger Überzeugendes aus dem preislichen Mittelfeld hatte es dagegen schon schwerer. Für Ernst Ludwig Kirchners 1912 datiertes Aquarell einer Straße in einem Berliner Vorort kamen noch 43.000 Euro heraus (Taxe 45.000 bis 50.000 EUR), doch Wilhelm Lehmbrucks kleiner weiblicher Torso, der sogenannte Hagener Torso, in einem bemalten Steinguss der 1920er oder 1930er Jahre und Franz Radziwills farblich etwas ungefälliges Stillleben mit Uhr aus den Jahren 1920/21 für jeweils 50.000 bis 60.000 Euro mussten die Heimreise antreten. Lehmbruck reüssierte wenigstens mit der aquarellierten Kaltnadelradierung der kindermordenden „Medea“ von 1915 bei angemessenen 13.000 Euro. Wiewohl schön, war Hans Purrmanns italienische Landschaft „Capo di Sorrento“ von 1951 zu wenig opulent, um 65.000 bis 75.000 Euro einzufahren, die es meist nur für größere Arbeiten des Deutschrömers gibt.
Aus dem unteren Sektor sind die rasche Kreidezeichnung „Nach dem Bade“ aus Hermann Max Pechsteins „Brücke“-Zeit 1912 für 12.500 Euro, Conrad Westpfahls filigrane Strukturen einer „Komposition in Rot und Blau“ von 1968/71 für taxgerechte 5.000 Euro und Theodor Werners schon abstrakte Gouache- und Bleistiftzeichnung „Mädchen mit Blume“ aus dem Jahr 1946 für 12.000 Euro zu nennen (Taxen zwischen 5.000 und 7.000 EUR). Schön waren auch die 5.000 Euro, die Lilja Busses expressiver und farbstarker Maskenball von 1921 einfuhr (Taxe 5.000 bis 6.000 EUR). Während César Domelas schwungvolles „Relief n° 59A“ aus Kreissegmenten von 1959 schon bei 10.000 Euro abgegeben wurde (Taxe 15.000 bis 18.000 EUR), steigerte sich Hermann Glöckners schwarze Stahlplastik „Sechs emporsteigende, ineinandergreifende Scheiben“ von 1980 auf ebendiesen Betrag (Taxe 8.000 bis 9.000 EUR), und Hans Wimmers noch der klassischen Figur verhaftete Bronze „Sitzendes Mannequin“ von 1969 verdoppelte ihre Schätzung auf 6.500 Euro.
Zeitgenössische Kunst
Nach der Nagelung Ueckers kam in der Rangfolge der Zeitgenossen zunächst lange Zeit nichts mehr. Erst bei 22.000 Euro besetzte Raimund Girkes „Weiss Feld“ von 1999 Platz zwei (Taxe 14.000 bis 15.000 EUR), auch seine 1971 entstandene „Progression in Weiß“ in fast monochromer Bemalung schloss mit 15.000 Euro ganz passabel ab. Eigentlich war Markus Prachenskys monumentale Acrylmalerei „Puglia marina IV“ von 1977 für 40.000 bis 50.000 Euro für eine der höheren Kategorien vorgesehen, doch blieb sie ebenso unveräußert wie Günter Fruhtrunks „Statische Komposition“ aus des Künstlers frühen Jahren 1952/53 für geschätzte 34.000 bis 35.000 Euro. Um je 13.000 Euro etwa im Rahmen der Schätzungen wechselten eine Bleistiftzeichnung mit einem Maibaum und das Filz-Tonband-Multiple „Ja Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee Nee“ von Joseph Beuys aus dem Jahr 1969 die Besitzer.
Eine markante Gestalt im frühen Schaffen Georg Baselitz’ ist der Hirte. 1965 verewigte er den Mann mit existentialistischem Pathos auch auf einer Radierung in 60 Exemplaren, deren Erwartung sich nun auf 6.000 Euro verdoppelte. Dem Martha Graham Center of Contemporary Dance widmete Andy Warhol zum 60sten Geburtstag 1986 ein Portfolio mit Siebdrucken. Daraus gab es das Blatt „Lamentation“, eine ihrer berühmtesten Choreografien, in einer unikaten Farbstellung in Grün und Blau für taxgerechte 15.000 Euro. Ebenfalls zur Schätzung von 5.000 Euro kam Alfred Hrdlickas derb erotische Pastell- und Kreidezeichnung „Lot und seine Töchter I“ von 1992 ans Ziel.
Alte Kunst
Kaum weniger anregend als die Meister des 20sten Jahrhunderts gestaltete sich der Absatz der alten Kunst mit Gemälden, Druckgrafiken und vor allem dem Spezialgebiet von Karl & Faber, den Handzeichnungen. Mit knapp 53 Prozent lag die Zuschlagsquote hier sogar noch etwas höher. Für eine Reihe fünfstelliger Preise sorgte Albrecht Dürer. Das Auktionshaus lag mit seinen Schätzungen für die Kupferstiche des Altdeutschen in der Regel richtig, als der heilige Eustachius, auch als heiliger Hubertus um 1501 angesehen, bei 22.000 Euro die Flucht ergriff, Hieronymus in der Wüste um 1496 46.000 Euro entgegennahm oder derselbe Kirchenvater, diesmal 1514 im Gehäuse sitzend, sich bei 24.000 Euro verabschiedete. Von 3.000 bis 4.000 Euro auf 20.000 Euro schossen indessen „Der Orientale und sein Weib“, auch „Die Türkenfamilie“ genannt, auf einem Blatt der Zeit um 1496. Die seltene Eisenradierung des Studienblattes mit fünf Figuren müsste einen leichten Abschlag auf 17.000 Euro hinnehmen (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR), dafür stieg das „Meerwunder“ von 12.000 Euro auf 17.000 Euro. Mit seiner zum Teil wiederholten Offerte zweier in der Druckqualität unterschiedlicher Ausgaben der „Kleinen Passion“ für bis zu 80.000 Euro hatte Karl & Faber dagegen keinen Erfolg.
Dürer zur Seite gesellten sich ein paar Zeitgenossen wie Lucas Cranach d.Ä. mit seinem Holzschnitt „Sächsischer Fürst auf der Eberjagd“ um 1507 für taxgerechte 10.000 Euro oder der etwas ältere Martin Schongauer mit dem heiligen Martin für 24.000 Euro (Taxe 24.000 bis 26.000 EUR). Aufnahme fanden auch alle vier winzigen Blättchen Albrecht Altdorfers mit dem Kupferstich des heiligen Christopherus bei 5.300 Euro an der Spitze (Taxe 4.000 bis 5.000 EUR). Die übrigen Meister verharrten alle in den unteren Regionen, und nur Johann Elias Ridingers reich illustriertes Naturbuch „Das in seiner großen Mannigfaltigkeit und in seinen schönen Farben geschilderte Thierreich“, erschienen in Augsburg 1768 ein Jahr nach dem Tod des Grafikers, lugte mit einem Zuschlag bei 12.000 Euro kurz aus den Niederungen hervor (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR).
Durchschnittlich ließ sich bei den Handzeichnungen nicht ganz so viel erwarten. Umso erfreulicher dann doch die 7.000 Euro für eine leichtfüßige Federzeichnung Gherardo Cibos mit einem Baum samt Erntebauer (Taxe 4.000 bis 5.000 EUR) oder die 6.000 Euro für „Herkules am Scheideweg“ in einer wildwüchsigen Landschaft des Frühklassizisten Johann Friedrich Ludwig Oeser (Taxe 3.200 bis 3.400 EUR). Frederick van Valckenborchs etwas verblasster Blick auf eine vielleicht der Fantasie entsprungene Stadt um 1598/99 blieb bei 10.000 Euro etwas unterhalb der Erwartungen stecken, dafür kletterte Adrian Zinggs Abbildung einer Burgruine in der Sächsischen Schweiz von 3.000 Euro auf 5.500 Euro, und seine exakte Pflanzenstudie mit Rhabarber reüssierte sogar bei 6.500 Euro (Taxe 1.200 EUR). Franz Kobells dramatischer Gewittersturm am Meer verbesserte sich um 100 Euro leicht auf 1.900 Euro. Auf das Hauptwerk der Gemälde allerdings, eine 1541 datierte Kreuzigung Christi aus der Werkstatt Lucas Cranachs, wollte sich für 40.000 bis 50.000 Euro niemand einlassen.
Die kleinen, aber feinen Studien und Skizzen waren auch aus dem 19ten Jahrhundert zum Teil überraschend begehrt. Anselm Feuerbachs Kreidezeichnung eines stehenden Kindes in Rückenansicht mit ausgestrecktem Arm um 1858 etwa für hohe 14.000 Euro (Taxe 2.500 bis 3.000 EUR) oder eine Bleistiftansicht des Domes in Orvieto von Domenico Quaglio für 4.000 Euro (Taxe 400 EUR). Von 800 Euro auf 1.800 Euro kletterte Simon Warnbergers anmutiges Portrait einer jungen Frau mit Spitzenkragen, von 1.500 Euro auf 2.400 Euro Johann Christoph Georg Fries’ filigranes Panorama von Tivoli, von 5.000 Euro auf 8.800 Euro Friedrich Salathés romantisches Tuscheblatt samt Reh mit Kitz aus dem Georgergarten in Dessau von 1847, und für Carl Spitzwegs geziert schreitendes Mädchen blieben 2.600 Euro übrig (Taxe 1.400 EUR).
Daneben waren es hier aber vor allem die Ölgemälde, die beeindruckten. Meist handelte es sich um Landschaften wie Josef Sellenys Impression von der Insel St. Paul im Indischen Ozean, die er 1868 besuchte, für 9.000 Euro (Taxe 1.400 EUR), Karl Wilhelm Diefenbachs symbolschwangere Steilküste auf Capri im Mondschein für 13.000 Euro (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR), Johann Wilhelm Schirmers südliche Landschaft mit Rastenden an einem Brunnen für 7.000 Euro (Taxe 2.400 EUR) oder Christian Malis Blick über den Chiemsee auf die Fraueninsel um 1860 für 4.600 Euro (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR). Carl Friedrich Werner überzeugte mit seiner liebevoll und detailreich in Aquarell ausgeführten römischen Szene „An der Pforte“ von 1843 bei 3.200 Euro (Taxe 1.800 EUR).
Von biedermeierlicher Beschaulichkeit waren die szenischen Darstellungen wie Carl Gottfried Pfannschmidts italienische Pfeifer auf einem Aquarell von 1845 für 4.000 Euro (Taxe 900 EUR) oder René Reinickes Genre „Gespräch auf dem Balkon (Der lange Bräutigam)“, ein Illustrationsentwurf um 1910 in Gouache auf Karton für 4.800 Euro (Taxe 1.800 EUR). Die beiden Hauptwerke des 19ten Jahrhunderts, José Madrazo y Agudos Bildnisradierung des Künstlers Johann Christian Reinhart um 1810 und Jacques François Joseph Swebachs wirklichkeitsgetreue Zeichnung einer eleganten Dame zu Pferd, vermutlich Joséphine Bonaparte, die soeben in eine ihr dargereichte Früchteschale greift, für 40.000 bis 50.000 Euro, fanden keinen Abnehmer.
Alle Preise verstehen sich als Zuschläge ohne das Aufgeld.