Das Kölner Auktionshaus Lempertz versteigert Anfang der Woche zahlreiche Werke der Fotografie: Eine Vorschau auf die Herzstücke der Auktion
Sehen und gesehen werden
Eindringlich fixiert das Modell mit seinem tief dunklen Auge den Betrachter. Neugierig, fragend und doch urteilend erscheint der Blick. Man fühlt sich beinah unangenehm beobachtet und ist doch selbst gefesselt, fasziniert und kann den Blick seinerseits nicht von dem Bild nehmen. Dabei ist von der Frau auf dem Foto selbst gar nicht so viel zu sehen. Ihr Gesicht, durch den oberen und rechten Bildrand angeschnitten, wird fast vollständig durch ihren Arm verdeckt. Die weiße Hand ruht mit gespreizten Fingern und dunkel lackierten Nägeln elegant auf ihrem Oberarm im dunklen Pullover. Die asymmetrisch angelegte Komposition, das Nebeneinander von dunklen und hellen Partien, von Licht und Schatten, von Schwarz und Weiß, die Ausschnitthaftigkeit, das Spiel von Verdecken und Hervorlugen – all dies trägt zur verwirrenden Faszination bei, die von Fernand Fonssagrives Fotografie ausgeht. Der in den 1950er Jahren entstandene Gelatinesilberabzug für 4.000 Euro ist eines von vielen Werken der Fotografie-Auktion bei Lempertz, die auch dieses Mal wieder Sammler anlocken dürfte.
Zur Versteigerung in Köln kommen daneben am 31. Mai auch Werke von August Sander, Theodore Lux Feininger, Robert Doisneau, Richard Avedon, Tom Wood und André Kertész. Bei dessen Werk „Zirkus“ geht es mehr um das Unsichtbare, als das Sichtbare des Bildes. In für ihn charakteristischer Manier hat Kertész eine ausdrucksvolle und überraschende Ansicht aus dem alltäglichen Leben auf Papier gebracht. Was mögen die Zwei wohl hinter der Rückwand des Zeltes beobachten? Akrobaten in schwindelerregenden Höhen, lustige Clownspiele oder wilde Löwen und ihre Dompteure? Die um 1920 geschossene Fotografie ist von dem in Paris lebenden Ungarn um 1950 abgezogen worden und wird von den Experten des Kölner Hauses auf 8.500 Euro geschätzt.
Die drei Arbeiten von Man Ray kommen zu einer Taxe von 3.000 Euro, 3.500 Euro und 7.000 Euro unter den Hammer. Dabei handelt es sich um eine Aktdarstellung von zwei Frauen, das bekannte tränende Frauenauge „Les larmes“ und ein Portrait der „Marchesa Casati“, alles Zeugnisse der Kunst, die den Amerikaner zu einem der wichtigsten Impulsgeber der surrealen Lichtbildkunst des letzten Jahrhunderts werden ließ. Psychologischer Scharfsinn, Stille und Vertrautheit strahlen die Kinderportraits von Heinrich Kühn aus, die um 1904 beziehungsweise um 1906 entstanden sind (Taxe von 4.000 bis 6.000 EUR). Ein ähnlicher Eindruck stellt sich bei der Betrachtung von Henri Cartier-Bressons Bildnis des Malers Henri Matisse mit seinen Tauben aus dem Jahr 1944 ein (Taxe 4.000 EUR). Distanziert hingegen erscheint Margaret Schevill auf dem Bildnis, das Imogen Cunningham 1950 von ihr machte. Die Schriftstellerin und Wissenschaftlerin trägt eine Halskette, sowie Ohrschmuck, den Alexander Calder entwarf. Der Vintage liegt bei 5.500 Euro.
Neben den Portraitaufnahmen präsentiert das Auktionshaus eine Reihe von schönen Landschaftsbildern. Der um 1938 aufgenommene verträumte Blick in den Park Sanssouci von Max Baur (Taxe 800 EUR) steht hier neben der sachlichen Sicht auf ein Waldstück mit Buchen im November (Taxe 2.200 EUR), den drei Erlen (Taxe 1.600 EUR) und der „Allee auf Schloss Cappenberg“ von Albert Renger-Patzsch aus den 1950er Jahren (Taxe 2.000 bis 2.500 EUR). Auch das geheimnisvolle Tor und die klaren Grasschatten auf dem frischen Schnee von Max Lohr können durch ihre ästhetische Wirkung überzeugen (Taxe je 600 EUR). Aaron Siskind (Taxe 2.500 EUR) und Paul Caponigro (Taxe 1.500 EUR) teilen hingegen eine ornamental-dekorative Auffassung in ihren Close-Ups von Felsformationen und anderen natürlichen Oberflächen.
1935 sah Otto Umbehr, bekannt als Umbo, einer Skatrunde aus einer äußerst ungewöhnlichen Perspektive zu. Genauso wie das Bild „Tea for two“ fotografierte der Düsseldorfer die gesellige Runde im Auftrag der Berliner AEG mit einem Fischaugenobjektiv, um ihre neue „Himmelskamera“ zu testen. Nun bietet Lempertz die beiden Arbeiten in Köln zu einem Schätzpreis von je 4.000 Euro an. Ebenfalls sehr innovativ ist seine Lichtpendel-Serie, bei der Umbo von der Realität völlig autonome Bildwelten schuf, indem er Lichtquellen als feine Liniengeflechte auf dem Bildträger erscheinen ließ (Taxe 6.500 EUR). Alle genannten Werke stammen direkt aus dem Nachlass des Bauhaus-Schülers.
Mit drei Arbeiten ist ein weiterer wichtiger Kopf der Fotografiegeschichte bei Lempertz vertreten: Alfred Stieglitz. Seine vier Fotogravüren von einem Pferderennen, eines Schnappschusses aus seinem Fenster in Berlin, der Sicht auf die Gleise des New Yorker Bahnhofs und über den Hudson River auf Manhattan, deren verwaschene Grautöne eine besondere, fast malerische Atmosphäre hervorrufen, erschienen in den 1900er und 1910er Jahren in der von Stieglitz gegründeten Zeitschrift „Camera Work“. Das Auktionshaus hat die Arbeiten zwischen 800 bis 1.200 Euro fixiert. Ein noch frühes Beispiel der Fotografie ist Domenico Andersons „Panorama di Roma“. Es besteht aus fünf Albuminabzügen, die eine beeindruckende Gesamtlänge von gut zweieinhalb Metern ergeben. Der Ausblick auf die ewige Stadt ist vor 1871 entstanden und zählt zu den ersten Arbeiten des Fotografen (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR).
Ebenfalls ein Herzstück der Auktion sind die zwei Fotografien von Ruth Bernhard mit Werten von 4.000 Euro und 9.000 bis 12.000 Euro. Als Vorreiterin in der Aktkunst lichtete die 1905 geborene Berlinerin in den 1950er und 1960er Jahren mit eindrucksvoller Licht-Schatten-Wirkung immer wieder weibliche Körper ab. „In the Box - Horizontal“ zeigt in bemerkenswerter Weise den Kontrast von klaren geometrischen Linien und weichen natürlichen Körperformen, sowie den Gegensatz von Schwarz und Weiß. Brillante Farben hingegen erzielte F.C. Gundlach in ihrem 1966 entstandenen Bild „Den ganzen Tag am Strand“, auf dem die Sonne förmlich zu spüren ist (Taxe 4.000 bis 5.000 EUR).
Sammlung Vogel
In der Sektion „Sammlung Vogel“, die am 1. Juni bei Lempertz unter den Hammer kommt, bestechen besonders die verschiedenen Serien von Bernd und Hilla Becher, die mit scheinbar unpersönlicher, objektivierender und dokumentierender Weise durch eine Hinwendung zum Seriellen das Ornamentale der Masse von Fördertürmen oder anderen Industriegebäuden erkannten. Sechsmal wird so eine Serie von je vier Arbeiten zu einem Schätzpreis von 15.000 Euro versteigert. Ebenfalls mehrfach in der Sammlung Vogel vertreten ist Sigmar Polke, dessen 16 Lose innerhalb einer Taxe von 10.000 bis 20.000 Euro liegen. Teils mehrfach belichtet, teils unscharf, teils farbig nachbearbeitet schuf der Roswitha Haftmann-Preisträger Werke zwischen Sein und Schein, zwischen Ernsthaftigkeit, Trivialität und Leidenschaft. Neben diesen hochpreisigen Arbeiten finden sich in der Sammlung aber auch niedriger dotierte Bilder, wie vier fotografisch beeinflusste Werke von Richard Hamilton, die das Auktionshaus für 2.000 oder 3.000 Euro anbietet, sowie zwei je zwei Fotografien umfassende Serien von Bernhard Blume, der die alltäglichen Unmöglichkeiten zu je 6.000 bis 8.000 Euro unter den Mann bringen will.
Zeitgenössische Fotokunst
Unter den von Lempertz angebotenen Fotografien, die innerhalb der Auktion für zeitgenössische Kunst am 2. Juni versteigert werden, stehen 61 Farbfotografien von Andy Warhol zu einem Schätzpreis von 50.000 bis 60.000 Euro an der Spitze, die das Künstler- und Hippieleben in seiner Umgebung verewigen. Zu den Toplosen dieser Kategorie gehört ferner die „Mediterranean Sea“ von Hiroshi Sugimoto. Der Gelatinesilberabzug ist ein typisches Werk des Japaners, der seit 1980 eine Reihe von Meeresansichten, den sogenannten „Seascapes“, schuf, deren formale Strenge und Klarheit auf der einen Seite eine merkwürdige Leere, auf der anderen Seite eine zeitlose Ruhe vermitteln (Taxe 25.000 EUR).
Interessant muten auch die Transformationen von Lucas Samaras an. Auf seinen Polaroids erscheinen seine Figuren eigenartig verzerrt und verfremdet, so dass beim Betrachter nicht selten ein Gefühl der Ratlosigkeit zurückbleibt (Taxe je 3.000 bis 4.000 EUR). Klare Formen und scharfe Linien begegnen uns dagegen in den Schwarzweißfotografien von Shirin Neshat, die das Leben in ihrer iranischen Heimat thematisieren (Taxen zwischen 4.000 bis 6.000 EUR). Mit einem Schätzpreis von 12.000 Euro weit höher bewertet sind Axel Hüttes Bäume von „Bussaco“ von 1999, die durch ihre verschiedenen Blautöne bestechen und gegen den hellen Himmel kontrastieren. Farbenfroher und in ein sehr weiches Licht getaucht erscheint der Blick in ein Maleratelier, den Lois Renner 2002 mit seiner Kamera inszenierte und für den das Auktionshaus 13.000 Euro erwartet.
Die Vorbesichtigung für die Auktion „Fotografie“ bei Lempertz läuft noch bis zum 31. Mai. Die Räumlichkeiten sind Freitag von 10 bis 13 Uhr und von 14 bis 17:30 Uhr, sowie Samstag und Sonntag von 11 bis 16 Uhr, und Montag von 10 bis 14 Uhr geöffnet. Die Versteigerung beginnt am 31. Mai um 18 Uhr mit den Fotografien des 19. bis 21. Jahrhunderts. Die Sammlung Vogel wird 1. Juni ab 16 Uhr aufgerufen, und die zeitgenössischen Fotografien kommen am 2. Juni ab 10:30 Uhr unter den Hammer.