Mit dem Abschluss aller Baumaßnahmen am „Museum am Strom“ in Antwerpen ist ein neuer prägnanter Museumsneubau geschaffen. Jetzt können die Exponate einziehen
Aufgetürmte Panoramen
Das neue Museum Aan de Stroom in Antwerpen
Das Gestern lebendig mit dem Heute zu verbinden, ist eine der vornehmsten Aufgaben zeitgemäßer Museen. Anspruchsvolle Architektur kann diesen Aspekt nachhaltig unterstützen. Wie geistreiche Lösungen ohne effekthascherische Gesten dies mit Bravour erfüllen können, demonstriert auf originelle Weise das gerade vollendete Museum Aan de Stroom (MAS) in der belgischen Hafenstadt Antwerpen. Ähnlich einem monolithischen Kubus aus Urgestein erhebt sich der Block zwischen den ehemaligen Hafenbecken. Blasebalgartig nach oben auseinander gezogen, ergeben sich kantig konturierte Aufbrüche, die spiralartig das Gehäuse umschlingen.
Den insgesamt 65 Meter hohen Bau entwarf das niederländische Architekturbüro Neutelings Riedijk. Vor genau zehn Jahren setzte es sich in einem Wettbewerb gegen 55 Mitbewerber durch. Nun steht der erste signifikanten Markstein im Umkreis groß angelegter Revitalisierungsplanungen der alten Dockgegend. Mit Verlegung der Hafenanlagen nach Norden entsteht hier ähnlich der Hamburger Hafencity ein völlig neuer Stadtteil mit Parks, Wohnbauten, Museen, Geschäften und Gewerbezonen. Die wirkungsmächtige Platzierung des Museumsturmes auf der Dockzunge zwischen Bonaparte- und Willemdock nahe der Schelde besitzt engen Bezug zu Deutschland, stand doch hier ab den 1560er Jahren bis zur brandbedingten Vernichtung 1893 das „Hansahaus“, ein Lagerhaus der merkantilen Allianz deutscher „Hansestädte“.
Beim Museum am Strom sucht man Brüstungen und Fester vergebens. Raumhohe Glaswände aus Italien erinnern an Vorhänge, da sie der extremen Stabilität wegen ausgreifend gewellt sind. Den Besuchern eröffnen sich Ausblicke in die Umgebung, die umso grandioser werden, je höher man von Ebene zu Ebene auf Rolltreppen emporschwebt. Immer landet man in tagesbelichteten Foyers vor völlig abgedunkelten Schausälen. Es sind Boxen, die am Mittelkern aus Beton aufgehängt sind und jeweils um 90 Grad versetzt vom Schraubenboulevard an den äußeren Rand gedrückt werden. So erklären sich die großflächigen geschlossenen Fassadenzonen des Boxenstapels, die es zu verkleiden galt. Dies geschah mit roten Sandsteinplatten aus dem nordindischen Agra, ein Material, das abgesehen von der neuen Botschaft Indiens in Berlin noch nie in Europa Verwendung fand. Hier spielten Korrespondenzen zu den benachbarten Lagerhäusern mit hinein.
Um die monolithische Ausstrahlung zu mildern, entwickelten Neutelings Riedijk mithilfe spezieller Software ein Muster aus vier Farbnuancen: Braun-Rot, Rot-Rot, Lila-Rot und Orange-Rot. Auf diese Weise entfalten die grob belassenen und fugenlos verleimten hochrechteckigen Platten ein faszinierendes Pixelfeld Konkreter Kunst. Rund dreitausend Aluminiumhände zieren sie mittig, Symbol der Stadt Antwerpen, dessen Namen sich der Sage nach von „Hantwerpen“ ableitet, da jedem Schiffer, der den Zoll nicht zahlen konnte, eine Hand abgehackt wurde. Auch Innenwände, Böden und Decken der Spindel sind mit dem Sandstein ausgekleidet, aufgelockert von dreitausend Metallmedaillons. Hierfür gestaltete der Grafiker Tom Hautekiet den Grundrissstern der italienischen Idealstadt Palmanova nach. Er umgibt einen Satz des Schriftstellers Tom Lanoye, der sich ohne Anfang und Ende auf Wasser, Stadt, Menschen und Kultur bezieht, wobei jedes Wort das erste sein kann. Dies führt zurück auf den funktionalen Kern eines Museums: Abschotten, um zu bewahren, nach Außen öffnen, um Bezüge zur Realität herzustellen.
Aus dem konservatorisch bedingten Dunkel der Kuben tritt der Gast in eine gleißend helle Realität. Auch von Außen sind die Umgänge und Foyers einsehbar, die allzeit einsehbare Vitrinen darstellen. Die Glasschwünge verhindern dabei jedwede Spiegelung. Einziger Wehrmutstropen: Das Abschlussgeschoss lastet zu schwer auf dem Ganzen. Diese massive dicke Platte wird allseitig durchsetzt von schmalen, hochrechteckigen Fenstern. Dies behindert die Aussicht aus Café und Tagungsräumen, die gerade hier angesagt wäre.
56 Millionen Euro ließ sich die Provinz Flandern die Erschließungsmaßnahme kosten, wovon fast 34 Millionen Euro an Baukosten anfielen. Jetzt kann das Haus gefüllt werden. Fünf Etagen wird die Dauerpräsentation einnehmen, eine ist Sonderausstellungen vorbehalten. Administration und Magazin beanspruchen ebenso ein volles Geschoss wie die im Erdgeschoss angesiedelte Bildung. Fast 6.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche stehen dann zur Verfügung; der „vertikale Boulevard“ bietet noch dazu über 2.000 Quadratmeter Fläche.
Der Fundus des MAS umfasst 470.000 Objekte, die aus dem Ethnografischen Museum, dem Nationalen Schifffahrtsmuseum, dem Volkskundemuseum und Teilen des Kunsthandwerkmuseums stammen, die mittlerweile geschlossen sind. Im Rahmen einer thematischen Ausrichtung werden sie vermengt in der neuen Dauerschau wieder zusammengefügt. Als historisches Museum der Stadt Antwerpen soll das MAS die Geschichte des Hafens, der Stadt und ihrer Bewohner vermitteln.
Das Ensemble aus Stapelturm, Hafenbecken und Kais wird ergänzt durch einen Platz vor der Südfront des Museums, der den Bogen in Richtung mittelalterliche Stadt schlägt. Kein geringerer als der berühmte belgische Maler Luc Tuymans wurde gebeten, ihn zu gestalten. Sein Gedanke bestand in der Rückkopplung mit dem historischen Stadtkern. Da kam ihm sein 2002 für die Documenta 11 geschaffenes Gemälde „Dead Skull“ in den Sinn, das heute in der National Gallery in Washington hängt. Es basiert auf dem Polaroidfoto einer Gedenktafel für den Antwerpener Maler und Gründer der Antwerpener Malerschule Quentin Massys, die an der Kathedrale angebracht ist. Sie zeigt einen Totenkopf mit heraldischen Symbolen.
Mit Hilfe des Computers in feine Nuancen zerlegt und ins gigantische vergrößert, überführte Luc Tuymans sein Gemäldemotiv nun in ein Bodenmosaik, das sich von der obersten Ebene des Museums am besten erschließt. Auf 40 mal 40 Metern, umfasst von einem roten hohen Sandsteinrahmen, besteht das Mosaik aus nahezu 100.000 aus aller Welt gesammelten, unterschiedlich großen Granitsteinen in elf Farbnuancen. Damit konnte Tuymans die Vorlage möglichst detailliert umsetzen. Subtil, unaufdringlich und doch originell setzt die „Kunst am Bau“ den wechselseitigen Austausch im Freiraum fort. In einem Jahr, am 17. Mai 2011, öffnet dann das mit Exponaten gefüllte Haus seine Tore für das Publikum.