Kunst und Künstlergrafik bei Jeschke und Van Vliet in Berlin
Seltsame Zusammenkünfte
Trotz mehrerer nicht gerade gut gelaufener Auktionen in der jüngsten Vergangenheit hat sich das Angebot von Jeschke und Van Vliet in Berlin am 19. November wieder etwas erweitert. Und noch immer findet man hier Ausgefallenes, das sich vom Gängigen der großen Auktionshäuser unterscheidet, auch wenn diesmal etwas mehr bekannte Künstler im Katalog verzeichnet sind. Zudem sind die Schätzungen gesunken. Jeschke und Van Vliet kann dies nur gut tun, zeigten doch die niederen Zuschlagsquoten, dass die allzu hohen Preisvorstellungen der Einlieferer nicht mehr der Wirklichkeit des Kunstmarktes entsprachen. Zum klassischen Kanon der Auktion gehören etwa Lyonel Feiningers Holzschnitt „Segelboote“ von 1920 für 5.000 Euro, Pablo Picassos Radierung „Le Repos du Sculpteur II“ von 1933 aus der Suite Vollard für 12.000 Euro, Joan Mirós ebenfalls 1933 entstandene Radierung „Daphnis et Chloé“ für 10.000 Euro oder Richard Hamiltons seltsame Menschenzusammenkunft in der Radierung „In Horne’s house“ von 1981/82 für 4.000 Euro.
Ein Stammgast in Berlin ist Nicolas Tarkhoff, gebürtiger Moskauer und Wahlpariser, der in seiner neuen Heimat zu einem durchaus angesehenen Spätimpressionisten avancierte. Seine junge Frau im Garten um 1907 dürfte also Chancen auf mindestens 18.000 Euro haben, zumal auf der Rückseite möglicherweise noch ein Selbstbildnis des Künstlers als Gitarrenspieler prangt. Schon etwas ungewöhnlicher ist Rudolf Levys Stillleben mit Pfirsichen von 1942, angesichts der Tatsache, dass der nur zwei Jahre später in Gestapo-Haft umgekommene Künstler heute fast vergessen ist. 36.000 Euro honorieren also nicht nur ein qualitätvolles Ölbild, sondern stellen auch den Versuch der Rehabilitation eines Mannes dar, dessen Name einst in einem Atemzug mit denen Hans Purrmanns oder Karl Hofers erklang.
Weitgehend vergessen sind auch Künstler wie Ulrich Hübner, dessen Ansicht der alten Jannowitzbrücke in Berlin 1931 noch den Geist des Impressionismus atmet (Taxe 8.000 EUR), Wilhelm Kohlhoff, dessen verdrehter weiblicher Akt aus den frühen 1920er Jahren ebenfalls noch an ältere Meister wie etwa Lovis Corinth erinnert (Taxe 6.000 EUR), und Gert Heinrich Wollheim, dessen furioser Rhododendronstrauß aus dem Jahr 1935 wiederum an die plastische Stilllebenmalerei Max Slevogts gemahnt (Taxe 6.000 EUR). Ob der Maler der Berliner Friedrichstraße, der seine freundliche Ansicht mit „Fritz Preiss“ signierte, mit Ferdinand Preiss, einem Kleinplastiker der sogenannten Chryselephantine-Skulpturen, identisch sein soll, wie die Experten vermuten, erscheint nicht recht glaubhaft. Näher liegt doch da der 1883 in Stettin geborene und in Berlin ansässige Maler Fritz Preiss. 7.000 Euro müssen unabhängig vom Namen des Schöpfers dennoch zustande kommen.
Oder wer kennt heute noch den früh verstorbenen Heine Rath, der bei Eugen Bracht in Berlin studiert hat und 1913 eine Professur an der Stuttgarter Akademie annahm. Sein „Abend auf der Alster“ aus den 1910er Jahren weist ihn als Maler zwischen Jugendstil und Impressionismus aus (Taxe 2.800 EUR). Bernhard Dörries gehört zu den wichtigsten Vertretern der Neuen Sachlichkeit in Hannover. Davon zeugt in der Auktion sein 1923 datierter, fast altmeisterlich aufgenommener Mädchenkopf (Taxe 2.000 EUR). Otto Hettner dürfte auch nur den Wenigsten geläufig sein. Als Freund Edvard Munchs betreute er kurzzeitig dessen Atelier in Paris. Symbolistisch gibt sich sein Männerakt, der auf einer Bergspitze weit in den blauen Himmel aufragt (Taxe 2.000 EUR). Parallelen zu Max Beckmann findet man im Werk Walter Wellensteins. Exemplarisch steht dafür im Katalog das Ölgemälde „Komödie der Eifersucht“ von 1951 (Taxe 1.300 EUR). Da ist Walter Gramatté schon viel bekannter, der diesmal nicht mit seinen existenziellen Menschengestalten, sondern mit zwei heiteren südländischen Ansichten von Almeria zum Zuge kommt. Die beiden Aquarelle liegen jeweils bei 5.000 Euro.
Die jüngere deutsche Kunst vertreten Heimrad Prem mit seiner gegenstandlosen Mischtechnik „Alpenglühen“ von 1966 (Taxe 5.500 EUR) und eine der surrealen Farbwucherungen Bernard Schultzes aus den mittleren 1990er Jahren mit dem schönen Titel „Blaues Wunder“ (Taxe 5.000 EUR). Wilhelm Imkamp steuert eine fast vollständig in der Farbe aufgelöste „Rote Berglandschaft“ von 1967 bei (Taxe 3.000 EUR), Peter Luksch austarierte Farbrechtecke in der Temperaarbeit „Rosa Akzent“ von 1955 (Taxe 2.500 EUR), und Helmut Middendorf die Gouache „Nacht“ von 1979 (Taxe 1.800 EUR). Auch Max Papart hebt auf die dunkle Seite des Tages ab. Sein „Nocturnal Dream“ kommt allerdings freundlich und in Pop Art-Manier daher (Taxe 4.500 EUR).
Ein paar DDR-Künstler haben sich ebenfalls eingefunden, allen voran Werner Tübke mit seinem zeichnerisch aufgefassten Ölbild „Ständchen im Freien“, einem Spätwerk von 1999 für 20.000 Euro. Auch Hubertus Giebes „Frau auf dem Rad“ stammt zwar schon aus der Nachwendezeit 1991, doch ist der Sachse, der 1974 bis 1976 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studierte und seit den 1980er Jahren selbst dort lehrt, ein klassischer Vertreter der figuralen Malerei um Willi Sitte oder Bernhard Heisig (Taxe 3.000 EUR). Die 1940 in Potsdam geborene Catharina Cosin lebt heute in New York und malt figurative Menschenbilder mit manchmal irrationalen Gestalten, wie 1997 die „Seltsame Begegnung (Mr. Peanut)“ mit einem kleinen Jungen (Taxe 1.000 EUR). Einer der jüngsten Künstler ist der 1964 in Bad Iburg geborene Stephan Kaluza, der seine Motive gerne durch Wachsschichten oder mattiertes Acrylglas verschleiert, so auch in zwei Arbeiten aus der Serie „Passion“ von 2002 (Taxe je 4.000 EUR).
Hauptwerk der plastischen Arbeiten ist ein wohl zu Lebzeiten des Künstlers abgenommener Bronzeguss von Ernst Barlachs „Güstrower Ehrenmal“ aus dem Jahr 1927. Der meditative Kopf auf einem Steinsockel liegt bei 25.000 Euro. Ebenso wie eines der drei nachweisbaren Stuckgipsmodelle zu diesem Werk, das Jeschke und Van Vliet für 6.000 Euro anbieten, stammt der Kopf aus dem Nachlass des früheren Güstrower Dompastors Johannes Schwartzkopff. An zweiter Stelle steht ein laufender Elefant, den Renée Sintenis 1921 als Kleinplastik entwarf. Gießer ist laut Stempel auch hier, wie bei Barlachs Engel, die Berliner Firma H. Noack (Taxe 18.000 EUR). 14.000 Euro soll Max Ernsts kleine humorvolle Bronze „Chéri Bibi“ von 1973 einspielen, 2.200 Euro Werner Stötzers schrundige „Stehende (Zigeunerin)“ vom Anfang der 1980er Jahre, und 900 Euro David Nashs Multiple „Two char block“, ein schwarz gefasster dreigeteilter Holzblock von 2002. Joachim Schmettau, der in Berlin durch seinen Erdkugelbrunnen neben der Gedächtniskirche präsent ist, verbindet in einem ungegenständlichen, dreiteiligen Frühwerk aus den 1960er Jahren Holz- und Metallteile (Taxe 1.500 EUR).
Die Auktion beginnt am 19. November um 15 Uhr. Die Vorbesichtigung läuft vom 12. bis zum 17. November täglich außer sonntags von 11 bis 19 Uhr, am 14. November von 11 bis 15 Uhr. Der Katalog ist im Internet unter www.kunstauktionen-berlin.de abrufbar.