Nach welchen Mustern funktionieren fotografische Bilder heute? Auf dem „3. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg“ werden in sieben Ausstellungen die Grenzen und Möglichkeiten des Mediums Fotografie ausgelotet
Im Strom der Bilder
Ob Tageszeitung, Internet oder Fernsehen: Unser tägliches Leben wird begleitet von einem visuellen Grundrauschen, Pressebildern zumeist, die die Berichterstattung über aktuelle Ereignisse flankieren. Kaum ein moderner Haushalt kommt noch ohne Digitalkamera aus. Zur Not wird auch mit dem Handy fotografiert. Eigene, schnell ausgelöste Schnappschüsse füllen Festplatten oder werden ins Internet gestellt. Abrufbar für die Web Community, gelangen sie so in den unablässig anschwellenden Strom des kollektiven Bildgedächtnisses und verlieren sich als flüchtige Momentaufnahmen nur allzu schnell in der allgemeinen Reizüberflutung.
Die Fotografie ist ein Medium, das überall präsent ist und sich gleichzeitig auch aufgrund ständiger technischer Weiterentwicklung einer schnellen Veränderung unterzieht. Es wird von Künstlern, Journalisten, Wissenschaftlern, Werbefotografen und Privatleuten gleichermaßen genutzt. Bestimmte fotografische Bilder funktionieren wie Ikonen und haben sich tief ins allgemeine Bewusstsein eingegraben: Die Mondlandung, Kriegsbilder aus Vietnam, der Anschlag auf das World Trade Center oder die Ermordung John F. Kennedys. Das 3. Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg beschäftigt sich jetzt mit unserem visuellen Denken und der Wirkung von Bildern. Das Kuratorenduo Esther Ruelfs, eine renommierte Fotospezialistin, und Tobias Berger, aus Deutschland stammender Hauptkurator des Nam June Paik Museums in Seoul, gehen von der These aus, dass „ein begrenztes Repertoire an Mustern unsere Perspektive auf die Bilder der Welt vorstrukturiert“.
Der Titel des Festivals „Images Recalled – Bilder auf Abruf“ geht übrigens auf eine Anregung des in London lebenden deutschen Fotografen Wolfgang Tillmans zurück, der am 3. Oktober 2009 im Heidelberger Kunstverein den renommierten Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie erhält. In sieben Kulturinstitutionen im Rhein-Neckar-Dreieck haben Esther Ruelfs und Tobias Berger inhaltlich fundierte Themenausstellungen entwickelt. Insgesamt zeigen sie Arbeiten von über 60 internationalen Fotokünstlern. Die Veranstaltung ist damit das größte kuratierte Fotofestival in Deutschland.
Im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum beschäftigt sich die Ausstellung „Bilderkrieg“ mit allgegenwärtigen Bildmustern, die von den Medien geprägt werden. Die Schau macht deutlich, dass Kriegsbilder, stammen sie auch von den unterschiedlichsten Kriegsschauplätzen der Welt, immer denselben Grundmustern folgen. Die israelische Künstlerin Michal Heiman, 55, zeigt in ihrer Serie „Do-Mino“ auf, wie Pressebilder in Bildaufbau und Motivik Bildern der Kunstgeschichte ähneln. Sie stellt Bilder von Gekreuzigten oder von Terroranschlägen, die sie in Zeitungen und Magazinen findet, Reproduktionen von Klassikern der Kunstgeschichte gegenüber. Die junge Libanesin Randa Mirza, 31, montiert in ihrer Serie „Parallel Universes“ Freizeitszenen in Aufnahmen aus dem libanesischen Bürgerkrieg und verwebt so die Kriegsberichterstattung mit Bildern einer lässigen Alltagskultur.
Hubschrauber, die formationsartig am Himmel fliegen, suggerieren beim Betrachter ein ungutes Gefühl von Bedrohungs- und Kriegsszenarien. Mit dieser Bilderinnerung, die sich aus Nachrichtenbildern und Hollywoodfilmen wie „Full Metal Jacket“ speist, arbeitet die in Berlin lebende Deutsch-Iranerin Bettina Pousttchi, 38. Ihre mehrteilige Arbeit „Parachutes“ zeigt Aufnahmen ebensolcher Hubschrauberformationen, die allerdings nicht an brisanten Kriegsschauplätzen, sondern während einer Flugübung in Berlin entstanden. Durch eine gezielte Bildbearbeitung dramatisiert Pousttchi ihre Bilder zusätzlich, entlarvt aber gleichzeitig ihre Künstlichkeit.
„Weichgespülte“ Kriegsbilder sind in den Medien ständig präsent. Aber welche Bilder bekommt der normale Mediennutzer nicht zu sehen? Die unter die Haut gehende Arbeit „The Incommensurable Banner“ des Schweizers Thomas Hirschhorn, 52, versammelt schonungslos harte Bilder von verstümmelten Leichen und abgerissenen Körperteilen, wie sie hierzulande keine Zeitung drucken würde. Sie kursieren jedoch im Internet auf einschlägig bekannten Schockerseiten. Hirschhorn präsentiert sein aufrüttelndes Horrorkabinett auf einer Art überdimensionaler Schriftrolle, von der nur ein kleiner Ausschnitt zu sehen ist. Die politisch stark aufgeladene Arbeit wirft viele grundsätzliche Fragen zum Thema Bilderkonsum auf. Welche Wirklichkeit des Krieges wird gezeigt? Welche Bilder werden uns vorenthalten und warum? Inwiefern manipulieren die Bilder von Nachrichtenagenturen die öffentliche Meinung? Und wo sind die Grenzen des Erträglichen?
Kontrastprogramm im Heidelberger Kunstverein. Wird in der Ausstellung „Bilderkrieg“ die Empfindsamkeit des Betrachters auf eine harte Probe gestellt, so widmet sich die mit viel Sensibilität und inhaltlicher Dichte zusammengestellte Ausstellung hier dem Thema der Abwesenheit. Unter dem Titel „Absenzen – Bilder des Verschwundenen“ werden verschiedene Aspekte des Verschwindens thematisiert. Die Leipziger Fotografin Margret Hoppe, 28, suchte für ihre Serie „Die verschwundenen Bilder“ Orte auf, an welchen in der ehemaligen DDR Kunst präsentiert wurde. Geblieben sind meist nur ein paar Dübel oder frisch weiß getünchte Wände. Zwischen Dokumentation, zeitgeschichtlicher Forschung, Spurensicherung und der ironischen Distanzierung einer Nachgeborenen bewegt sich diese sensible Arbeit einer Künstlerin, die beim Fall der Mauer gerade einmal acht Jahre alt war.
Nils Klinger, 33, präsentiert mehrere Vitrinen mit diversen Gegenständen als fingiertes Beweismaterial absurd anmutender Verbrechen. Basis seiner Installationen sind sogenannte „mug shot cards“, historische Karteikarten mit Fotos von mutmaßlichen US-Straftätern, die bis Ende des 20ten Jahrhunderts zur Klassifizierung dienten. Um ganz konkrete Orte des Verbrechens geht es in den Arbeiten des New Yorkers Joel Sternfeld, 65, und der Neuseeländerin Ann Shelton, 42. Beide fotografieren Orte, an denen einschlägig bekannte Delikte passiert sind. Den Aufnahmen geht jeweils eine intensive Recherche voraus. Auf den Fotos sieht man unspektakuläre Feldränder oder aufgegebene Häuser. Die auf kleinen Schrifttafeln lakonisch erzählte Geschichte vom Tathergang verleiht den Aufnahmen etwas Unheimliches und vermittelt dem Betrachter das Gefühl von Unbehagen und Faszination zugleich.
Seit Beginn der Fotografiegeschichte steht der Körper des Menschen im Fokus vieler Fotografen. In der Ausstellung „Körperwelten“ in der Kunsthalle Mannheim untersuchen die Kuratoren Esther Ruelfs und Tobias Berger die facettenreichen Inszenierungen von Körper und Pose in der Fotografie. Das Porträt als klassisches Genre taucht bis heute in vielen Variationen immer wieder in künstlerischen Arbeiten auf. Das Spiel mit falschen und erfundenen Identitäten interessiert insbesondere viele weibliche Künstler. Die Neuseeländerin Yvonne Todd, 36, arbeitet mit Kostümen und Accessoires von Hollywoodstars. Ein wichtiger Referenzpunkt für ihre glamourös inszenierten Porträts sind die Melodramen der amerikanischen Schriftstellerinnen Jacqueline Susann. Tragik, Laszivität und falscher Schein schweben über den perfekt in Szene gesetzten Ikonen einer glitzernden Kunstwelt.
Die in Kassel lebende Kölnerin Catrine Val, 39, schlüpfte für ihr Panoramafoto in die Rolle internationaler Models. Sie inszenierte sich mit Echthaarperücken und schicker Kleidung dutzendfach als Kandidatin für die Wahl zur Miss World 2008. Val kopierte Stil, Haltung und Gesten der echten Schönheitsköniginnen aus Korea, Italien, Frankreich oder Tschechien. Mehrfachidentität trifft hier auf die einfach lesbare Codierung eines medial vermittelten Schönheitsideals, das die nationalen Klischees und Vorlieben gekonnt widerspiegelt. Eine ältere Arbeit der 1949 in Kroatien geborenen Künstlerin Sanja Ivekovic macht deutlich, dass das Bild der Frau in der Werbung direkten Einfluss auf weibliche Verhaltensmuster hat. Sie stellt in ihrer 1975 entstandenen Serie „Double Life“ Reklameseiten aus Magazinen mit inszenierten Werbefotos für Parfüms, Kleidung oder Damenwäsche privaten Schwarzweißaufnahmen aus ihrem Familienalbum gegenüber, die zur selben Zeit entstanden sind. Bezüge zu berühmten Aufnahmen aus der frühen Fotografiegeschichte sind durchaus beabsichtigt.
Wer sich mit dem Ordnen von Bildern beschäftigt, stößt unwillkürlich irgendwann auf das Thema des Sammelns. Zu diesem unendlichen Komplex haben die beiden Kuratoren im Kunstverein Ludwigshafen eine Ausstellung mit dem Titel „Bilder Sammeln“ zusammengestellt. Sie macht deutlich, dass Sammeln nicht mit Anhäufen gleichzusetzen ist, sondern mit Kategorisieren und dem Herausfiltern scheinbar nebensächlicher Aspekte oder formaler Parallelen. Ein schönes Beispiel für die konsequente Gegenüberstellung kultureller und ästhetischer Ähnlichkeiten ist die Arbeit des in Peru geborenen Kanadiers Luis Jacob, 38, Teilnehmer der letzten Documenta. „Album VIII“ ist eine vielteilige Sammlung von Abbildungen aus den Bereichen Architektur, Design, Kunst, Theater und Peformance. Präsentiert in einfachen Transparenthüllen, die wie auf einem Fries nebeneinander an der Wand hängen, eröffnet Jacob einen Kosmos von Querverweisen und genau beobachteten formalen Übereinstimmungen. Der Hamburger Fotograf und gelernte Biologe Jochen Lempert, 51, hingegen untersucht ästhetische Ähnlichkeiten in der Tierwelt. Seine Schwarzweißabstraktionen von Zebras und Schmetterlingen tragen den Titel „DNA-Fingerprint“ und sind den Kontinenten Nordamerika und Afrika zugeordnet. Als einer der wenigen klassisch agierenden Fotografen des Festivals arbeitet Lempert mit analoger Technik und hochwertigen Barytabzügen.
Die Möglichkeiten des technischen Fortschritts haben für viele Fotografen offenbar etwas sehr Verführerisches. So auch für den Spanier Joan Fontcuberta, 54. Er benutzt ein Computerprogramm, das für militärische Zwecke und für die Entwicklung von Landschaftshintergründen für Videospiele verwendet wird. In den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim beschäftigt sich Fontcuberta mit den historischen Reiseaufnahmen aus der Sammlung. Mit Hilfe des Computerprogramms hat Fontcuberta virtuelle Landschaftsaufnahmen kreiert, die in verblüffender Brisanz täuschend echt wirkende Fantasietopografien abbilden. Kein Ort ist real, die Daten des eingespeisten Kartenmaterials werden vom Computer in Landschaftsbilder übersetzt. Ein lichtbildnerisches Verfahren liegt diesen synthetischen Bildern nicht mehr zu Grunde. Das fotografische Denken hat den eigentlichen Akt des Abbildens der Realwelt also komplett hinter sich gelassen.
Die New Yorker Afroamerikanerin Xaviera Simmons stellt in Halle_02 im alten Heidelberger Güterbahnhof Hunderte von Plattencovern als Wandinstallation aus. Das von der Musikindustrie, Konzerten und TV-Auftritten vermittelte Bild der „Black Music“ verdichtet sich hier zum poppigen Klischee. Mit der zeitlichen Distanz erscheinen die bunt und glamourös gekleideten und frisierten Musiker noch lässiger und cooler als zu ihrer Hochzeit in den 1970er Jahren. „Bilder auf Abruf“ – gerade in dieser künstlerischen Arbeit wird deutlich, dass unser Bildergedächtnis leicht stimulierbar und von einer Vielzahl individueller Erfahrungen und Präferenzen abhängig ist. Fotografische Bilder verändern ihre kulturelle Aufladung, je nachdem, ob der Betrachter alt oder jung, männlich oder weiblich ist, on- oder offline, analoge oder digitale Technik bevorzugt oder von der westlichen oder einer anderen Kultur geprägt ist. Was für die einen exotisch wirkt, ist für die anderen ganz normal.
Dem internationalen Fotofestival Mannheim_Ludwigshafen_Heidelberg ist es gelungen, die Komplexität und Bandbreite des Mediums Fotografie auf der Höhe der heutigen Zeit und des technischen Wissens einzufangen. Eine große Installation im öffentlichen Raum auf dem Alten Meßplatz in Mannheim sorgt dafür, dass neben Experten auch neugierige Besucher ganz ungezwungen auf die Veranstaltung aufmerksam werden. Die Blogger der Künstlergruppe VVORK haben unter dem Titel „Totale Erinnerung“ ein begehbares Bilderlabyrinth geschaffen. Bekannte und unbekannte Fotografen konnten Bilder zum Thema Monument einsenden, die hier auf Folien geplottet und zu einem dichten Netzwerk zusammengestellt wurden. Vielleicht gelingt es gerade durch diese demokratische und interaktive Aktion, das Festival nicht als bloße Insiderveranstaltung erscheinen zu lassen, sondern vielmehr auf Dauer als Publikumsveranstaltung zu etablieren und interessierten Besuchern die Schwellenängste zu nehmen.
Das „3. Fotofestival Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg“, das in diesem Jahr durch die teilnehmenden Städte, öffentliche Regionalverbände und seit 2005 durch BASF unterstützt wurde, ist bis zum 25. Oktober zu sehen. Orte: Kunsthalle Mannheim, Reiss-Engelhorn-Museen, Alter Meßplatz Mannheim, Halle_02, Wilhelm-Hack-Museum, Kunstverein Ludwigshafen, Heidelberger Kunstverein. Der Katalog ist im Kehrer Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro, nach dem 25. Oktober 24,80 Euro.