Hans Haacke, dem Mahner und Moralisten, wird in Hamburg und Berlin eine grandiose Doppelausstellung gewidmet
Auf der Höhe der Zeit
Keine Trennwände, keine Kabinette, keine Kompromisse! Die überwältigende Architektur der Hamburger Deichtorhallen konnte man schon lange nicht mehr als großen, offenen und luftigen Raum erleben. Die aktuelle Ausstellung des 1936 in Köln geborenen und seit 1965 in New York lebenden deutschen Konzeptkünstlers Hans Haacke aber bietet nun dazu Gelegenheit. 3.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche mit einer One-Man-Show zu füllen, ist keine leichte Aufgabe für einen Künstler. Robert Fleck, der Direktor der Deichtorhallen und Kurator der Schau, bescheinigt Haacke die „spezifische Erfahrung in der Bewältigung eines so großen Raumes“ und betont den innovativen Geist des Siebzigjährigen: „Mich hat beeindruckt, dass er sich wie ein junger Künstler auf Experimente eingelassen hat.“
Der erste Blick des Besuchers wird automatisch auf eine Arbeit gelenkt, die sich an der dem Eingang gegenüberliegenden Stirnwand der Halle befindet. „Zum Appell. Deutsche Industrie im Irak“ heißt es da in altdeutscher Serifenschrift auf einer schwarzen Fahne mit Totenkopfmotiv. Rechts und links davon hängen zwei weitere Fahnen mit den Namen deutscher Industrieunternehmen wie Rheinmetall, MAN oder Siemens. Wer gedacht hatte, diese Arbeit sei ganz neu und beziehe sich etwa auf die aktuelle „Schädelaffäre“ in Afghanistan, der irrt. „Die Fahne hoch!“, so der Titel des bis heute hochaktuellen Werkes, stammt bereits aus dem Jahr 1991 und war damals auf dem Münchner Königsplatz zu sehen. Haacke wollte auf die vielfältigen Verflechtungen deutscher Industrie- und Rüstungsunternehmen mit dem Saddam-Regime aufmerksam machen.
Gegen die häufig verwendete Etikettierung, ein politischer Künstler zu sein, jedoch wehrt er sich. Hans Haacke kokettiert gerne damit, ein Normalbürger zu sein, der seine Unzufriedenheit mit den Mitteln der Kunst mitteilt. Als alter Agitprop-Zausel möchte er keinesfalls gelten. Robert Fleck springt ihm bei: „Er agiert als ein ganz einfacher Bürger, der mit bestimmten Sachverhalten nicht einverstanden ist.“ In der öffentlichen Wahrnehmung jedoch ist Hans Haacke schlichtweg „der“ politische Künstler überhaupt. Einem breiten Publikum bekannt geworden ist er unter anderem durch seine Arbeit „Germania“ im Deutschen Pavillon der Biennale Venedig 1993. Hier thematisierte er die faschistoide Architektur des Gebäudes, den gemeinsamen Besuch Hitlers und Mussolinis auf der Biennale 1933 und nicht zuletzt die deutsche Einheit. Über dem Eingang prangte eine beleuchtete, überdimensionale 1-DM-Münze, und im Inneren erwartete den Besucher ein desaströses Trümmerfeld aus aufgebrochenen Bodenplatten.
Seine bekannteste Arbeit aber dürfte der zunächst äußerst umstrittene, mittlerweile aber selbst bei seinen ehemaligen Gegnern extrem beliebte, 20 Meter lange Holztrog im Lichthof des Berliner Reichstagsgebäudes sein. Die Arbeit „Der Bevölkerung“ ist eine künstlerisch-kritische Replik auf die von Haacke als diskriminierend gegenüber nicht-deutschen Bevölkerungsteilen empfundene Inschrift „Dem Deutschen Volke“, die sich am Portikus des Gebäudes befindet. Bundestagsabgeordnete aus allen Landesteilen überbieten sich mittlerweile geradezu darin, den Trog mit Erde und Pflanzensamen aus ihren Wahlkreisen zu füllen.
In der Hamburger Ausstellung sind 41 Arbeiten, davon 30 Installationen, aus den Jahren 1959 bis 2006 zu sehen. Der viel sagende Titel „wirklich“ ist bewusst offen gehalten. Die frühen fotografischen Erkundungen des damaligen Kasseler Kunststudenten auf der Documenta 2 charakterisieren auf humorvolle Art und Weise die unterschiedlichsten Besuchertypen. Haackes neueste Arbeiten tragen den Titel „Innen/Außen: Spiegelfechterei“. Es sind drei 2 Meter hohe und 13 Meter lange Spiegelwände in Form minimalistischer Skulpturen, die die mit Autos, Passanten, Radfahrern und Zügen angefüllte Umgebung der Deichtorhallen auf wunderbare Art und Weise mit dem Innenraum der Ausstellung in Interaktion bringen. Mit Einbruch der Dunkelheit ab 16 Uhr und dem ins Innere dringenden Licht der Autoscheinwerfer stellen sich dann vollkommen surreale Effekte ein.
Daneben sind in Hamburg richtungweisende Arbeiten aus allen Werkphasen des Künstlers zu sehen. Viele davon haben mittlerweile Kunstgeschichte geschrieben und dienen gerade heute, in einer Zeit der Repolitisierung der Kunst, jüngeren Künstlern wie etwa dem Briten Jeremy Deller oder der in New York lebenden Deutschen Josephine Meckseper als Inspirationsquelle: zum Beispiel „News“ von 1969, ein Fernschreiber, aus dem unablässig Papierbahnen mit Nachrichten hervorquellen. Oder „Gras wächst“, ebenfalls von 1969, ein kleines Stück Land Art in Form eines vulkankegelartig aufgetürmten, grünen Rasenstücks. Hans Haacke, der weitab vom deutschen Alltagsgeschehen in New York lebt, gehört trotz seiner in der Vergangenheit für Schlagzeilen sorgenden Auseinandersetzungen mit Unternehmen wie der Deutschen Bank oder Daimler Benz in der breiten öffentlichen Wahrnehmung noch nicht zu den Schlüsselfiguren der jüngeren Kunstgeschichte. Mit der jetzt eröffneten Doppelausstellung in Hamburg und Berlin dürfte sich das ändern.
Die Ausstellung „Hans Haacke - wirklich. Werke 1959-2006“ läuft vom 17. November bis zum 4. Februar 2007 in der Nordhalle der Deichtorhallen. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Am 24. und 31. Dezember ist geschlossen, am 1. Januar 2007 von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Der 440 Seiten starke Katalog kostet 65 Euro. In Berlin bestreitet die Akademie der Künste am Pariser Platz vom 18. November bis zum 14. Januar 2007 die Haacke-Retrospektive.