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Die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt – Teil 1

Wegweiser für den Aufbruch zur Moderne



„Habe Ehrfurcht vor dem Alten, und Mut, das Neue zu wagen. Bleibe treu der eigenen Natur und treu den Menschen, die du liebst“ - Jene Inschrift, die auf dem wie eine gestreckte Hand aufragenden Hochzeitsturm Joseph Maria Olbrichs auf der Darmstädter Mathildenhöhe zu lesen ist, galt den sieben Begründern der Künstlerkolonie Mathildenhöhe 1899 als Leitmotiv und gedankliche Essenz ihrer Idee.


Im Sommer 1899 von Großherzog Ernst-Ludwig nach Darmstadt auf die Mathildenhöhe berufen, sollten Peter Behrens, Rudolf Bosselt, Paul Bürck, Hans Christiansen, Ludwig Habich, Patriz Huber und Joseph Maria Olbrich - die ersten Sieben genannt - ihre kreativen Fähigkeiten in den Dienst einer umfassenden Neugestaltung der praktischen, geistigen und ästhetischen Daseinsbedingungen des Menschen stellen. Ziel des engagierten Landesherren war es, Kunst und Leben zu verbinden, um die rückständigen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts in eine kultivierte und geistig erfüllte Existenz zu verwandeln. Denn in vielen europäischen Ländern breitete sich eine Reformbewegung aus, die eine alle Lebensbereiche umspannende Erneuerung intendierte. In den hierfür gewählten Begriffen „Modern Style“, „Sezessionsstil“, „Art Nouveau“ oder „Jugendstil“ schlug sich der anbrechende neue Zeitgeist nieder.

Zwischen 1899 und 1901 trugen jene sieben Künstler durch ihre innovativen Ideen, die in mehreren Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert wurden, nicht nur zu neuen Formen des Bauens, des Wohnens und der Lebensgestaltung bei, sondern sie regten auch einen weit über das Land hinaus greifenden Diskurs über den Aufbruch zu neuen Ufern, über eine Lebensweise, die auf einer einfachen und an der Zweckmäßigkeit ausgerichteten Basis Schönheit und Glück vereinte, an. Der Kunst sollte die Aufgabe zukommen, geistige und seelische Kräfte freizusetzen.

Wirkungsstätte der von Großherzog Ernst Ludwig im Jahre 1899 unter anderem auch zur Förderung der Region und ihren heimischen Betrieben ins Leben gerufenen Künstlerkolonie war die Mathildenhöhe, ein großer, zur Bebauung freigegebener ehemaliger Park, der einem verbesserten und glücklicheren Dasein als Basis dienen sollte. Alles Marode und Überkommene wollte man hinter sich lassen, Maßstäbe für weitreichende Neuerungen sollten zum Übergang ins 20. Jahrhundert gesetzt werden.

Als führender Kopf der Gruppe galt von Beginn an der aus Wien berufene, 32jährige Architekt Joseph Maria Olbrich (1867-1908), der als ältestes Mitglied der Künstlerkolonie bis zu seinem Tod 1908 treu blieb. Als Gründungsmitglied der Wiener Secession hatte er sich bereits über die Landesgrenzen Österreichs hinaus neben dem bekanntesten Bauwerk der Secession in Wien mit der Forderung nach der Errichtung einer neuen Stadt, einer eigenen Welt, einen Namen gemacht. Für die erste Ausstellung 1901 konzipierte er bis auf das Haus Behrens alle vorgestellten Häuser und Bauten, erntete damit aber weniger Anerkennung als sein Kollege Peter Behrens (1868-1940), der für sein Erstlingswerk überschwängliches Lob von Kritikerseite erfuhr. Bei der Ausgestaltung der sieben Künstlerbauten wurde größter Wert auf deren Zweckmäßigkeit und Gebrauchsfähigkeit gelegt. Unbeirrt hielt Olbrich auch nach dem Ausscheiden seiner von dessen Autorität enttäuschten Künstlerkollegen Huber, Bürck, Behrens, Christiansen und Bosselt zwischen 1902 und 1903 an der Umsetzung dieser Ideen fest. Als Gestalter von Interieurs, Gebrauchsgegenständen und erlesenen Einzelstücken verfeinerte Olbrich seinen Stil und übernahm auch für die nächste Ausstellung 1904 die Federführung.

Olbrichs heterogene, partiell fortschrittliche, partiell historisierende Formensprache kam in der Architektur besonders gut zur Geltung. Bei seinem fünfzinnigen Hochzeitsturm, der 1905 anlässlich der Vermählung des Großherzogs Ernst Ludwig mit Eleonore Solms-Hohensolms-Lich begonnen wurde und zum Wahrzeichen Darmstadts avancierte, verband der Architekt klassische Vorbilder. Außerdem nahm er visionär schon die Materialästhetik des späteren Expressionismus vorweg. Noch vor der Fertigstellung des Hochzeitsturmes zog es Olbrich mit einigen Mitarbeitern nach Düsseldorf, um dort unter anderem an seinem größten Projekt, dem Warenhaus Tietz, zu arbeiten, ehe er 1908 plötzlich starb.

weiter zu Teil 2



14.02.2001

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Petra Jendryssek

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