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Am 02.03.2010 77. Kunstauktion 'Meisterwerke'

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Kunst und Antiquitäten bei Nagel

Alte Zeugnisse des Glaubens



Reliefschüssel, Nürnberg, 3. Viertel des 17. Jahrhunderts

Reliefschüssel, Nürnberg, 3. Viertel des 17. Jahrhunderts

Der Glaube war in frühen Zeit weltumfassend. Eindrucksvoll zeigt dies eine Zinnschüssel aus dem dritten Viertel des 17. Jahrhunderts. Maria als Himmelskönigin steht mit dem Jesusknaben und den Herrschaftssymbolen von Zepter und Reichsapfel im Mittelpunkt der seltenen Reliefschüssel. Umgeben ist sie von vier Kartuschen mit den Allegorien auf die vier Elemente Wasser, Erde, Feuer und Luft. Dazwischen breiten sich Bandelwerk, Pflanzendarstellungen und Grotesken aus. Auf der hohen Fahne wiederholen sich die Kartuschen und umgreifen die Künste und Wissenschaften und mit Minerva sogar die antike Mythologie. Entstanden ist die Schüssel in Nürnberg nach dem Modell von Caspar Enderlein (1560-1586), der ein bekannter Meister des Reliefzinns war. Sie eröffnet die Kunst- und Antiquitätenauktion bei Nagel in Stuttgart am 11. und 12. Dezember mit einer Schätzung von 4.500 Euro.



Etwas über 750 Lose aus 13 Sektoren kommen zum Aufruf. Neben Gemälden alter und neuer Meister sowie Plastiken stammt die überwiegende Anzahl der Stücke aus dem Sektor der angewandten Kunst. Nach der Nürnberger Reliefschüssel folgt der rund 30 Nummern starke Silberteil. Durch seine Dekorativität zeichnet sich der mit 2.000 Euro im Katalog aufgeführte Buckelpokal aus dem zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts aus. Das knapp 20 Zentimeter hohe Stück mit schwulstigem Buckeldekor stammt aus Zürich und wurde vom Meister Stefan Aaberli (1587-1665) gefertigt. In der kleinen Gruppe der angebotenen Dosen, Miniaturen und Objets d’Art verdient eine Emaille-Schauplatte aus einem Abraham-Zyklus Beachtung, die in Limoges Ende des 16. Jahrhunderts entstanden ist. Sie stellt die alttestamentliche Szene des Zusammentreffens von Abraham mit dem König von Sodom dar. Hier rangieren die Erwartungen ab 25.000 Euro aufwärts.

Die Manufakturen KPM Berlin, Ludwigsburg, Fürstenberg, Nymphenburg oder Wien bevölkern den Porzellansektor. Natürlich darf auch die Meißener nicht fehlen, von der ein fünfteiliger Vasensatz um 1760 stammt. Der aus einer großen, zwei kleinen Balusterdeckelvasen mit Nelkenknäufen sowie zwei Trompetenvasen zusammengestellte Satz zählt mit einer Taxe von 25.000 Euro zu den am höchsten bewerteten Ojekten. In feiner Purpurmalerei sind Szenen nach Watteau auf ihm verewigt. Auch ein seltenes, im Originalkoffer erhaltenes Teeservice um 1750 dürfte mit seiner edlen Dekorationen aus reliefierten, weißen Prunuszweigen auf zitronengelbem Fond die Herzen der Meißen-Fans höher schlagen lassen (Taxe 15.000 EUR). Die Deckelterrine aus dem Service des Grafen Hoym von Werthern um 1740 strahlt mit ihrer hoch aufragenden Form und dem Knauf als Gemüsestillleben herrschaftliches Flair aus (Taxe 14.000 EUR). Ein Böttger-Porzellan-Kännchen mit Augsburger Hausmalerei aus der Zeit um 1720 gibt die Sehnsucht nach einfachem bäuerlichen Leben wieder (Taxe 12.000 EUR). Aus Nürnberg kommt bei den Fayencen ein Walzenkrug aus der Zeit um 1730 zur Auktion, der an seiner Schauseite die von Blattranken gerahmte Szene der Taufe Christi zeigt (Taxe 4.900 EUR).

Das zerbrechlichere "Alte Glas" ist anschließend an der Reihe. Unter den wenigen Pokalen und Bechern ist einer mit der Ansicht des Erfurter Domes. Das in der Dresdener Werkstatt Samuel Mohns um 1820 in Transparentmalerei gefertigte Stück führt mit 4.000 Euro die überwiegend dreistelligen Bewertungen an. Glas spielt im Kapitel „Jugendstil und Art Déco“ eine dominierende Rolle. Von Interesse dürfte eine Art Déco Deckenlampe aus der Zeit um 1920 sein. Ihre acht kugeligen Lampenschirme werden von Leuchterarmen in der Form von Seehunden getragen. Sie ist ein schönes Beispiel des klassischen Art Décos aus Deutschland und wird sicherlich nicht bei den geschätzten 2.700 Euro verharren. Noch höher bewertet ist ein Jugendstil-Ameublement aus Frankreich um 1910. Das mit 5.500 Euro im Katalog vorgestellte Ensemble besteht aus einer Anrichte mit Marmorplatte, Esstisch, sechs Stühlen und einem Spiegel. Der geschnitzte Dekor zeigt Getreideähren, Trauben- und Beerenranken.

Mit fast 170 Stücken bildet der Schmucksektor den mit Abstand größten Komplex. Ein französisches Art Déco-Collier mit Anhänger um 1925 setzt sich aus sieben durch Feingoldglieder verbundene rechteckige Felder zusammen. In deren Mitte thront ein grüner Achteck-Smaragd. Darüber hinaus sind in dem mit 27.000 Euro bewerteten Collier 434 Diamanten verarbeitet. Aus den überwiegend vierstelligen Bewertungen ragt preislich noch ein Smaragd-Diamant-Collier heraus, das auf 15.000 Euro geschätzt ist. Der achtseitige Anhänger brilliert durch einen leuchtenden, mittelgrünen Smaragd aus Kolumbien, der von 32 Brillanten umgeben ist.

Im Kapitel der Zeichnungen und Aquarelle alter und neuer Meister werden auch Fans alter Urkunden fündig. Die Urkunde einer Wappenverleihung von Kaiser Karl V. vom 14. Mai 1532 ist mit 600 Euro ausgezeichnet. Star dieses Kapitels ist der im letzten Jahr noch in einer großen Retrospektive in Speyer geehrte Anselm Feuerbach, von dem ein 22seitiges Skizzenbuch offeriert wird. Die überwiegend in Bleistift ausgeführten Arbeiten, darunter auch ein Blatt mit Tusche und Feder, stammen aus dem Jahre 1843 und dürften bei der relativ günstigen Taxe von 2.900 Euro so manchen Feuerbach-Interessenten zum Mitbieten ermuntern. Albrecht Altdorfer, Lucas Cranach d.Ä., Albrecht Dürer, Jakob Philipp Hackert, Giovanni Battista Piranesi, Rembrandt, Giovanni Domenico Tiepolo ergänzen den Zeichnungsteil. Christian Wilhelm Ernst Dietrich, genannt Dietricy, soll die Gattin des Malers Joseph Brecheisen zur Allegorie der Flora umgestaltet haben (Taxe 1.900 EUR). Und Lucas van Leyden besticht mit dem Kupferstich „Der Tanz der Heiligen Maria Magdalena“ von 1519, ganz im Stil der Renaissance gehalten (Taxe 1.900 EUR).

Von den fast 90 Gemälden alter Meister stammen 30 aus einer Schweizer Privatsammlung. In ihrer schlichten Monumentalität beeindruckt die Darstellung „Christus in Emmaus“, als der Auferstandene am Tisch sitzend und von Jüngern umgeben das Brot ergreift. Von einem unbekannten Caravaggisten stammt das um 1600/20 gemalte Ölbild, das mit 40.000 Euro taxiert ist. Zur Sammlung gehören auch einige Stilleben, darunter zwei von Giovanni Battista Ruoppolo, dem großen Meister der neapolitanischen Stillebenmalerei. Eines zeigt eine Glasvase mit Orangen und Orangeblüten (Taxe 30.000 EUR), ein zweites zwei Kohlköpfe mit Sellerie (Taxe 25.000 EUR).

Außerhalb der Schweizer Sammlung sind die ebenfalls für ihre Stilleben bekannten Niederländer durch ein Blumenstück aus Rosen, Tulpen, Nelken und weiteren Blumen von Isaac Denies präsent (Taxe 24.000 EUR). Neckisch lässt Maerten Stoop in seiner Genreszene einen Offizier mit einem Mädchen in der guten Stube schäkern (Taxe 20.000 EUR). Der Antwerpener Meister Gerard Seghers malte eine Auferstehung Jesu Christi in ausgesuchtem Kolorit (Taxe 12.000 EUR). Ein Gemälde aus der Schule von Fontainebleau bildet lediglich den unteren Teil eines größeren Werks, von dem noch zwei weitere Fragmente existieren. Im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts entstand die heitere Naturszene mit einem schlafenden Amor, der von Satyrn umgeben ist. Der Ausruf beginnt hier mit 30.000 Euro, die Experten bei Nagel erwarten aber mehr als 40.000 Euro. Als barockes Theater inszeniert der Münchner Hofmaler Thomas Christian Winck zwei biblische Pendants. „Susanna vor den Richtern“ und „Das Urteil Salomos“ sind auf je 16.000 Euro geschätzt.

Unter den über 40 Gemälden neuerer Meister befinden sich zwei Porträts von Franz Seraph von Lenbach, darunter ein obligatorisches Bismarck-Porträt. Die aus dem Jahr 1894 stammende Arbeit des zur Zeit in einer Ausstellung in Schloss Morsbroich in Leverkusen vorgestellten Porträtisten ist mit 6.800 Euro bewertet, sein Pastellporträt der Clara von Goldhammer mit 2.500 Euro. Christian Mali steuert zwei Landschaftsmotive bei. Ins Jahr 1859 datiert der „Hirte mit seinen Rindern an einer Furt“ mit imposanter Burg auf einer Anhöhe im Hintergrund (Taxe 14.000 EUR) und ins Jahr 1880 die durch ihre Lichtreflexe schon impressionistisch angehauchten „Schafe und Kühe mit ihrem Hirten am Rande eines Dorfes“ (Taxe 9.000 EUR). Und von Wagners „Fliegendem Holländer“ könnte Eugène Modeste Edmonds Le Poittevins „Seemannsbraut“ auf den Klippen bei stürmischer See inspiriert sein (Taxe 3.600 EUR).

Der Skulpturensektor wird eingeleitet durch eine um 1510 geschnitzte, spätgotische Heilige Barbara (Taxe 4.000 EUR). Ein Bettlerpaar aus Elfenbein, das der renommierten Dresdener Künstlersippe Wilhelm und Ephraim Krüger zugeschrieben wird, stellt der Katalog mit 9.000 Euro vor. Das edle Material der auf ebenhölzernen Sockeln aufgestellten Personen mag so gar nicht zu ihrem Stand passen. Gleichfalls aus Elfenbein geschnitzt aber drückender dargestellt sind die Gestalten des Herkules und der Omphale aus der griechischen Mythologie. Die zwei süddeutschen Figuren aus dem 17. Jahrhundert sind mit 6.000 Euro angesetzt. Ein äußerst seltenes, spätbarockes Bildwerk ist die lebensgroße Heilige Kümmernis. Als Tochter eines heidnischen Königs wird sie von einem heidnischen Prinzen begehrt. Da sie sich aber Christus verschrieben hat, bittet sie um Entstellung durch einen Bart, der ihr auch gewährt wird. Anschließend wird sie von ihrem Vater gekreuzigt. Die um 1720 ausgeführte mythologische Volksheilige fraulicher Sorge und Abwehr steht nun wie Christus angenagelt am Kreuz (Taxe 8.500 EUR).

Die 67 Rahmen nehmen bei den Einrichtungsgegenständen einen breiten Raum ein, darunter ein Florentiner Blattrahmen vom Anfang des 17. Jahrhunderts für 2.300 Euro. Mit einem Taxwert von je 16.000 Euro sind ein in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts datierter Rokoko-Konsoltisch und ein zeitgleicher süddeutscher Barock-Hallenschrank bewertet. Ein weiterer, gleichfalls auf Kugelfüßen ruhender, aber vornehm ruhiger, barocker Hallenschrank aus der Schweiz ist mit 11.000 Euro taxiert. Ein ähnliches, mit Rokokoornament verziertes und beige gefasstes Möbel wird für 9.000 Euro offeriert. Eine westdeutsch-bergische, prachtvolle Aufsatzvitrine gleichfalls aus dem 18. Jahrhundert ist mit feiner Reliefschnitzerei auf dem Eichenholz verziert und will einen Liebhaber finden, von dem ein Salär von mindestens 10.000 Euro erwartet wird.

Unter den barocken Aufsatzsekretären befinden sich zwei Exemplare aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, die aus Sachsen und Süddeutschland stammen und mit jeweils 9.000 Euro im Katalog vorgestellt werden. Zu den eleganten Möbeln zählt ein Bureau Plat, das einst im Schloss Camenz bei Dresden stand und Ende des 18. Jahrhunderts zum Mobiliar des Prinzen Albrecht von Preußen und seiner Gemahlin Prinzessin Marianne gehörte. Den wohl in Berlin gefertigten Schreibtisch listet der Katalog mit 6.000 Euro. Aus der Zeit des Klassizismus führt die Aufstellung einen imposanten Deckenlüster von über zwei Metern Höhe und überreichem Kristallbehang an, der dann auch der entsprechenden Raumhöhe bedarf (Taxe 6.000 EUR).

Zu den besonders fein ausgestatteten, mit vielen Edelhölzern, opulenten Dekorationen und so manchen Raffinessen versehenen Möbeln des 19. Jahrhunderts zählt ein Aufsatz-Schreibschrank aus Norddeutschland um 1820. Das exzellente, mit einer Ziergalerie von Alabastersäulen bekrönte Stück soll 9.000 Euro einspielen. Den Abschluss bilden ein Jugendstil-Ameublement, das vermutlich in der Wiener Werkstatt von Josef Hoffmann um 1910 gefertigt wurde (Taxe 3.300 EUR), sowie eine Hamburger Art Deco-Kamineinfassung um 1920. Mit Jagdszenen, Putti und floralen Motiven hat Richard Kuöhl die breit gelagerte Einfassung aus dem Muschelkalk gehauen, die sich ehemals auf der Burg Katzenstein bei Heidenheim befand (Taxe 4.800 EUR).

32 Uhren stehen zum Abschluss auf dem Programm. Armbanduhren, Taschenuhren, Kaminuhren bis hin zu Standuhren sind im Angebot. Zu den Kuriositäten zählt eine Stechuhr aus den USA. Das Stück mit einem Eisen- und Messingwerk mit acht Tagen Laufdauer ist mit lediglich 900 Euro bewertet. Um ein vielfach Höheres liegt da mit 9.800 Euro die Louis XVI-Pedule „Temple de l’Amour“ aus dem 18. Jahrhundert. Die feine Uhr wirkt filigran und besticht durch ihre erstklassige künstlerische Ausführung. Das von dem Pariser Uhrmacher Dubois entworfene Stück besitzt ein elegantes Gehäuse aus weißem und blauen Marmor in der Form eines kleinen klassizistischen, ovalen Tempels, in dem ein Putto tanzt.

Die Auktion beginnt am 11. Dezember um 14 Uhr und wird am 12. Dezember um 10 Uhr fortgeführt. Die Besichtigung läuft noch bis zum 8. Dezember täglich von 11 bis 18 Uhr, am 9. Dezember von 11 bis 20 Uhr.

Kontakt:

Nagel Auktionen

Neckarstraße 189-191

DE-70190 Stuttgart

Telefax:+49 (0711) 649 69 696

Telefon:+49 (0711) 64 96 90

E-Mail: contact@auction.de



08.12.2003

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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