Fenster öffnen sich auf neue Fenster. Verschachtelte Gänge durchziehen unwirklich das Haus. Niemand weiß genau, wo er sich gerade bewegt. Decken und Böden sind versetzt und die sanfte Brise, die durch das Haus weht, wird künstlich von Maschinen erzeugt. Diese Bilder könnten aus einem Roman von Kafka oder aus einem Horrorfilm stammen. Geschaffen hat sie Gregor Schneider in seinem „Haus ur“ in Rheydt.
Gregor Schneider, der 1969 in Rheydt bei Mönchengladbach geboren wurde, begann 1985 als 16jähriger das alte Haus seines Vaters im Innern umzubauen. Sein "Haus ur" wurde zu seinem Lebensmittelpunkt. Er setzte Räume in Räume, zog niedrigere Decken und doppelte Böden ein, platzierte das "Kaffeezimmer" auf eine lautlos arbeitende Rotationsmaschine und richtete ein "total isoliertes Gästezimmer" ein, das man durch einen Wandschrank betritt. Dazu hat er ein Labyrinth aus Tunneln und Korridoren geschaffen, das nur er kennt. Tag und Nacht werden mittels elektrischen Lichts künstlich geregelt. Bewusst schürt er klaustrophobische Gefühle. Sein Haus rangiert damit zwischen Schwitters Merzbau und Bates Hotel.
Nun ist Gregor Schneider von Udo Kittelmann, deutscher Kommissar für die diesjährige Biennale in Venedig und Direktor des Kölnischen Kunstvereins, als alleiniger Künstler des deutschen Pavillons bestimmt worden. Dazu gestaltet Schneider den Pavillon als eine Art Außenstelle seines "Haus ur". Tonnen von Material seines Hauses lässt er mit Lastwägen nach Venedig transportieren, um die beklemmende Wirkung in der sonnigen Lagunenstadt erstehen zu lassen. Bereits 1996 hat er für Ausstellungen in der Kunsthalle Bern, 1997 im Frankfurter Portikus oder 2000 in der Secession in Wien ganze Räume in Rheydt ausgebaut und in den Museen wieder eingebaut.
Fundgrube ist für ihn der Braunkohle-Tagebau Garzweiler, nur wenige Kilometer von Rheydt entfernt. Wenn sich Garzweiler II ausbreitet, stehen zunächst einzelne Häuser und dann ganze Dörfer leer. Aus dieser gespenstischen Atmosphäre nährt Gregor Schneider seine Ideen. Wenn dort ein Ort zum Abbruch freigegeben wird, plündert er die Häuser und versorgt sich mit Türen und Fenstern. So hat er sein Haus immer wieder verändert, bis es zu voll wurde und kaum noch Einbauten verkraftete. "Was ins Haus kommt, muss bleiben", sagte Schneider einmal. Insofern könnte sein Wirken in Venedig einen rückläufigen Prozess bedeuten: Das Haus in Rheydt wird nun seinerseits ausgeschlachtet. Nichts soll mehr zurückkommen.
Bevor Schneider das "Haus ur" übernahm, malte er schon als Zwölfjähriger "nackte pubertierende Mädchen" auf lange Pappen. Später formte er, inspiriert von den Wiener Aktionisten, seinen eigenen total rasierten Körper in Mehlkleister ab. Von 1989 bis 1992 studierte er an den Kunstakademien Düsseldorf, Münster und Hamburg. Im Zentrum seines künstlerischen Interesses stehen Gebäude: Es geht ihm vor allem um Räume als "zweite Haut" das Menschen. So kommt es, dass er an machen Orten unbemerkt die Architektur eines Gebäudes verändert, etwa im Haus Lange in Krefeld. Oder er schreitet Räume ab und filmt sie. Räume sind seine Obsession.
1989 konstruierte er den „Total isolierten toten Raum“ in Giesenkirchen am Rande des Braunkohletagebaus in Nordrhein-Westfalen. Ein mit Glaswolle, Isoliermaterial und Bleiblechen ausgekleidetes kleines Zimmer, dessen halbgeöffnete Tür mit einem Betonkern bestückt ist, erweist sich für den, der eintritt, als Todesfalle. Denn fällt die Tür zu, gibt es keine Möglichkeit zu entkommen. Kein Laut dringt nach Außen, kein Türgriff eröffnet die Flucht in die Welt. Gregor Schneider spielte damals mit der Lust, sich selbst zu zerstören.
Mit seinen Installationen fordert Gregor Schneider den Betrachter heraus. Die Kunst entsteht in dessen Kopf und Empfinden. Sein Psycho-Haus ist Mittel dazu, seine einsame und unheimliche Welt zu transportieren. Seinerzeit musterte die Bundeswehr den Wehrpflichtigen als wahrnehmungsgestört aus, nachdem er beim Testgespräch seine Tätigkeiten geschildert hatte. Für Schneiders seltsames Alter Ego namens Hannelore Reuen, das er ins "Haus ur" hat einziehen lassen, hätten die Herren erst recht kein Verständnis gehabt.